Für den erbitterten Streit um die Gentechnik hat der Philosoph Peter Sloterdijk eine neue Formulierung gefunden: Es handele sich, sagt er in einem Interview mit der Wirtschaftswoche, um "einen Prozess der Deregulierung, der im Augenblick die Gesellschaft irritiert". Gemeint ist nicht die Privatisierung staatlicher Dienste, sondern ein Vorgang, der "sehr viel breiter zu fassen" ist und an dem er offenbar selber mitarbeiten will. Er ist nicht allein. Wissenschaftler, Philosophen und Sektierer, ganz allgemein Leute, die sich an den Fantasien der Gentechnik berauschen, haben beschlossen, die Moral zu deregulieren, die der Menschenbastelei entgegenstehen könnte. "Wir tun immer so", erklärt Sloterdijk in einem zweiten Interview mit Focus, "als wäre Moral das letzte Wort, das es nur im Singular gibt." Und in der Tat wollen der Philosoph und seine Freunde nicht die Werte (im Plural) abschaffen, sondern nur die "allzuständige Moral", nämlich jene universalistische Moral Kants, die für alle Menschen gilt.

Machtdiskurs der Moral Das ist auch bitter nötig, denn wenn es neben den traditionell entstandenen bald auch die geklonten oder genoptimierten Menschen gibt, dann löst sich der Gattungsbegriff auf und mit ihm die Plausibilität einer Ethik, die für alle gilt denn manche Menschen entstehen dann eben nicht wie alle, sondern in Labor und Werkstatt. Den Chef einer solchen Werkstatt, die in Kürze mit dem Klonen beginnen will, hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung besucht und dieser, mag er auch obskurer Guru einer kanadischen Sekte sein, erläutert doch sehr folgerichtig, seine Mission bestehe darin, "unsere Spiritualität der technologischen Revolution anzupassen". Die traditionelle Moral ist für ihn "ein Tummelplatz für primitive Religionen und primitive Menschen, die sich Bioethiker nennen".

Der Sektenführer Rael erklärt damit zum Programm, was Moralkritiker früher nur beklagt haben: dass die Moral der gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung elastisch folge, anstatt ihr wirksam Grenzen zu ziehen. Wir sollten über Rael nicht spotten denn erstens hat er richtige Biotechniker mit richtigen Labors in den USA an der Hand (und wurde deswegen schon vor einen Ausschuss des Kongresses geladen). Zweitens argumentiert er nicht anders als Sloterdijk, der ebenfalls die Verflüssigung der Moral empfiehlt: "Wir leben mitten in einer abenteuerlichen Welt, in der wir in einem laufenden Experiment mit verfolgen, wie eine Gesellschaft sich selber in einem fortgehenden Rechts- und Selbstfindungsprozess neue Regeln gibt."

Nun mag manchen auch Sloterdijk als wenig seriöser Guru erscheinen aber er hat ernsthafte Kollegen. Ende Mai hat Norbert Bolz in der Frankfurter Rundschau gezeigt, nach welchem Verfahren die universalistische Moral dereguliert werden soll: "Wir werden uns als Bürger einer modernen Gesellschaft daran gewöhnen müssen, dass es keine verbindliche Wertorientierung mehr gibt. Es wird in Zukunft keine hierarchische Wertetafel mehr geben - allenfalls eine Moralschleife mit ständig wechselnden Spitzenwerten: gestern Feminismus, heute Ökologismus, morgen Spiritualismus."

Und übermorgen, möchte man hinzusetzen, die Genmanipulation.

Es geht hier aber nicht um das Missverständnis, dass Moral mit der Definition oder partiellen Konkurrenz ihrer Anwendungsfälle verwechselt wird (der Feminismus beklagt ja gerade den Ausschluss von Frauen aus der universellen Menschenrechtsmoral). Entscheidend ist ein anderes Missverständnis: dass Moral etwas ist, das je nach gesellschaftlichen Interessenlagen verhandelbar ist. Moral ist ja gerade das den wechselnden Nützlichkeitserwägungen Entzogene sonst könnte, je nach Bedürfnis, auch ein Mord, Angriffskrieg oder Unterdrückung von Bevölkerungsteilen moralisch sein. Eine solche Moral wäre nur eine Legitimationsbeschafferin ohne eigene Legitimität, also eine Machtfrage. Macht, und sei es die einer gesellschaftlichen Mehrheit, ist aber das Gegenteil von Moral. Bolz beschreibt daher auch keinen Moraldiskurs, sondern einen Machtdiskurs, und was er voraussetzt, ist nicht die Gleichheit, sondern die Ungleichheit der Menschen.

Kant hat gezeigt, dass sich die universelle Geltung von Werten und die Gleichheit der Menschen, also die Annahme eines "abstrakten" Menschen jenseits der konkreten Unterschiede, gegenseitig bedingen. Geht man nur von der faktischen Ungleichheit der konkreten Individuen aus, gibt es keinen Grund, sie gleichzustellen und gleich zu behandeln sind Schwarze oder Frauen andere Menschen, können für sie auch andere Rechte gelten. Geht man aber umgekehrt davon aus, dass eine universale Moral universal geltender Rechte gar nicht wünschenswert sei (weil sie unwissenschaftlich, unmodern und unflexibel ist, wie Bolz oder Sloterdijk suggerieren), dann stellt sich auch die Frage nach der Gleichheit nicht: weil es das, was Gleiche beanspruchen könnten, überhaupt nicht gibt.