Der größte Unterschied zwischen einem rennenden Westeuropäer und einem Afrikaner ist, dass der Mann vom Schwarzen Kontinent nicht nur schneller laufen kann, sondern es bei ihm viel besser aussieht. Aus einem einfachen Grund: Nicht Wille ist des Afrikaners Antrieb, sondern Gefühl. Er läuft in erster Linie mit dem Herzen und nicht wie der Westeuropäer mit dem Kopf.

Die spanische Costa de la Luz südlich von Cádiz ist vielleicht 20 Meilen Luftlinie von Afrika entfernt, und die Westeuropäer, die an der reizvollen Küste des Lichts an prächtigen atlantischen Stränden das Laufen erleben möchten, tragen alle Herzfrequenzmesser der neuesten Generation. Es sind Minicomputer, die alles messen, was leistungsmäßig messenswert erscheint. Unter anderem, wie fit man ist. Man legt sich drei Minuten entspannt hin, bis es piepst, schaut anschließend auf die Zahl im Display, vergleicht sie mit einer Tabelle oder dem alten Wert, und je nach Resultat freut man sich ein wenig, oder es fällt einem plötzlich wieder ein, weshalb man eigentlich hier ist und 465 Mark ausgegeben hat: um Laufen zu lernen in der Leichtlaufschule von und mit Dr. Harald Schmid. Jenem Harald Schmid, der vor 20 Jahren auf der 400-Meter-Hürden-Strecke alles gewonnen hätte, wäre Edwin Moses nicht regelmäßig eine sehr gute halbe Sekunde vor ihm im Ziel gewesen. Deswegen war Harald immer der weiße Ed Moses und Moses nie der schwarze Harald.

Sieben Teilnehmer sind mehr oder weniger komfortabel untergebracht in einem 4-Sterne-Resort mit 413 Zimmern, abendlichem Buffet und unzähligem Personal, das nach Sonnengang immer noch in den Gängen rumschleicht und alles putzt, was irgendwie glänzen könnte. Fünf Läuferinnen und zwei Läufer treffen sich am Sonntagmorgen, bereit, fünf Tage lang hinter Harald herzuhecheln, aber Harald läuft in diesen Tagen woanders, nämlich in Deutschland seinem Terminstress hinterher. Anstelle von Harald leitet der Rumäne Mihail M. Tofan den Kurs. 47,5 Sekunden auf 400 Metern ist seine persönliche Bestzeit, sein Highlight die Spartakiade 1979, seine Leidenschaft die Herzfrequenzmesser der Marke Pulsar, für die er gelegentlich auch Verkaufsveranstaltungen durchführt, wie er charmant und unumwunden zugibt.

Tofan ist ein Hansdampf in allen Gassen. Sein Geld verdient er in erster Linie nicht mit der Laufschule und als Platzhalter und Verwirklicher von Haralds Laufkonzept, sondern als Allrounder im lokalen Wellness- und Esoterikbusiness. Das wird am Montag klar, als er um 13 Uhr nicht zur Analyse des Laufbandjoggings vom Sonntag auftaucht, das im Fitnessraum des Hotels gemacht wurde, sinnigerweise unter einem Werbeplakat von Harald. Reibereien und anschließende Betroffenheit in einer Naturomed-Praxis ließen Tofan verhindert sein. Er wollte einen weiteren Job annehmen, seine Art allerdings gefiel den Naturomed-Leuten nicht so, weswegen sie ihm einen kleinen Einlauf verabreichten. So was aber steckt Tofan easy weg - was kann er dafür, wenn andere durchdrehen? Aber auch an der Hotelbar sind die Teilnehmer nicht gut auf Tofan zu sprechen. Ihr Unmut droht über den Umweg des Humors die Diskretion des Anstandes zu verdrängen.

Zumal der zweite Tag schon gelaufen ist, und gejoggt wurde nicht großartig, sondern sehr easy hinter dem centro comercial auf einem ausreichend besprenkelten Fußballfeld. Viermal hin und her, immer smalltalkend mit wechselnden Partnern, um sich kennen zu lernen. Laufspezifische Ratschläge gab es noch nicht. Nass wurden die Teilnehmer von der Sprenkelanlage, schwitzen musste noch niemand, auch Adèle nicht, eine charmante Person, die in ein paar Jahren als ältere Dame gelten wird und die pulsmäßig die höchsten Werte erzielt. Über den besten Puls verfügt Werner, ein Banker aus Trier, den es am dritten Tag erwischt

wahrscheinlich eine Muskelkontraktion im unteren Rückenbereich, deren Ursache kaum aufs Laufen zurückzuführen ist, sondern auf die ausgiebigen Dehnübungen vor und nach den zehn Minuten effektiver Laufzeit.

Den problematischsten Puls hat S. (sie will nicht genannt werden), die Jüngste, und wahrscheinlich ist er auf ihren impulsiven Charakter zurückzuführen. Sportplätze waren ihr schon immer ein rotes Tuch. Deshalb läuft sie im Fitnessstudio auf dem Laufband und schaut dabei Fernsehen, weil's dann nicht so langweilig sei. Das funktioniert. Und nun joggt sie unter freiem Himmel, easy zwar, aber ihr Puls schnellt hoch in adèlesche Regionen. Deswegen ist sie hier: Sie will joggen können, ohne dass der Puls gleich die 160 überschreitet. Aber weil bis Ende des dritten Tages, so sagt die Uhr, lediglich 15 Minunten und 16 Sekunden effektiver Laufzeit vorliegen, verbraucht S. mehr Kalorien beim Ärgern als beim Laufen. Die Pulse der andern Teilnehmer liegen im Bereich des Normalen.