Um sich auf seine Salzburger Inszenierung von Janáceks Jenufa vorzubereiten, ist der amerikanische Filmregisseur Bob Swaim nach Mähren, in die tschechische Heimat des Komponisten, gereist, und hat in einem Tagebuch darüber berichtet, wie er "in den Schattierungen des mährischen Licht", im "Geräusch von Wasser, das über ein Mühlrad rauscht" und dem "Geruch zertretener nasser Blätter" nach Inspiration gesucht hat - als könnte die authentische Natur das Wesen von Janáceks Kunst entschlüsseln. Aber Janácek hat beim Komponieren nicht nur in die Landschaft geschaut, er war auch penibler Seelenforscher. Einen psychologisch dichten, epigrammatischen Erzählton offenbart seine Musik. Berühmt sind seine Skizzen menschlicher Sprachmelodien: melodische Kürzel, die ihm "Fenster zur Seele" waren. Und auf die Verschränkung von Außen- und Innenwelt, von Natur und dem Wahnsinn in den Köpfen, kommt es in Janáceks Opern immer wieder an. Swaim hat jedoch aus Mähren vor allem das Bild von einer alten Mühle mitgebracht. Realistisch nachgebaut, ragt die blätternde Fassade in der Salzburger Felsenreitschule auf mit blinden Fensterscheiben und einem riesigen hölzernen Mühlrad. Langsam und unermüdlich drehen sich die Speichen des Schicksals. Davor ist, gleichsam als Lupe, ein hoher Rahmen gestellt, der symbolträchtig in Rot, Gelb und Weiß aufflammt.

Stimmungsvolle Genrebilder vom bitteren ländlichen Leben entwickelt Swaim in diesem Ambiente und lässt die Protagonisten verloren herumstehen mit ihren brennenden inneren Zwangslagen: die Küsterin, die einen Säugling aus Mitleid im Eisbach ermordet, um ihre Stieftochter Jenufa vor der Dorfschande eines unehelichen Kindes zu bewahren den unglücklichen Laca, der Jenufa aus Liebe das Gesicht zerschneidet, weil er glaubt, sie nur so für sich allein gewinnen zu können und Jenufa selbst, die - dem tot en Kind und allen Verletzungen zum Trotz - zur großen Verzeihensgeste fähig ist. Aus ihrem Schlussgesang spricht die Utopie einer Menschlichkeit, die sich über alle Härten des Lebens hinwegsetzt. Aber die Spannungen zwischen individueller Not und gesellschaflicher Repression bleiben bei Swaim stark abgemildert. Das Drama zieht im naturalistischen Weichzeichner vorüber, obwohl der Janácek-Plot auch seine brutal-realistische Seiten hat.

Swaim hätte gar nicht nach Mähren reisen müssen, um Janáceks Geheimnis nahe zu kommen. Er hätte es auch im Klang der Tschechischen Philharmonie finden können. Das ist immer wieder eine verblüffende Erfahrung: wie selbstverständlich dieses Orchester den slawischen Ton zum Sprechen bringt, wie die Musiker auch in der Jenufa den Hörer vom Vorspiel an mit einem faszinierenden Klangsog in die musikalische Handlung ziehen. Wunderbar, die Wehmutsfarbe in den Holzbläsern, der dunkel bedrohliche Blechbläserklang, der Nachdruck in den Streicherlinien. John Eliot Gardiner am Dirigentenpult braucht das alles nur noch aufzugreifen und zu strukturieren. Was Swaims Regie im Ungefähren lässt, ist im Musikalischen genau ausgehört. Gardiner spürt den Details nach, sucht nach den schmerzlich ambivalenten Seelenspannungen in jeder melodischen Verzweigung. Dicht im Ausdruck gerät seine Janácek-Deutung, expressiv, ohne pathetische Donnergesten. Die Salzburger Sänger passen sich diesem Zug ins Feinfühlige auf einnehmende Weise an: Hildegard Behrens hat genügend stimmliche Substanz, um aus der Küsterin eine Figur flackernder Verzweiflung zu formen, Jerry Hadley singt den Laca mit strahlend tenoraler Kraft, und Karita Mattila macht mit ihrer dramatisch wie lyrisch frei strömenden Stimme aus der Jenufa eine Madonna der Duldsamkeit.