Kiefern, so weit das Auge reicht, nach Norden ein stiller Kanal und Sand, viel Sand. Ein lauschiges Plätzchen in der Ebene Flanderns, wie geschaffen für Pfadfinder. Geel ist achtzig Autominuten von Brüssel entfernt, nur halb so lange dauert die Fahrt bis Antwerpen: Abgeschieden unter Bäumen liegen hier die zehn flachen Nutzbauten des europäischen Instituts für Referenzmaterialien und -messungen IRMM. Selbst den meisten Eurokraten sagen die vier Buchstaben nicht viel. Doch hier wächst still eine europäische Institution heran, die zunehmend Einfluss nimmt auf Forschung, Technik - und unseren Alltag.

Unter dem Namen Euratom fing Ende der fünfziger Jahre alles an, als Forschungszentrum für die aufblühende zivile Kernenergie, hier im flämischen Geel. Oder muss es eher Mol heißen? Das Institut liegt auf der Grenze zwischen den Gemeinden Geel und Mol. Ironie oder tiefere Bedeutung, in Europas maßgeblicher Messanstalt weiß keiner so genau, auf wessen Gemarkung er sich gerade bewegt. Eine idyllische Grauzone.

Nun dominieren hier Messtechnik, Eichverfahren, Referenzmaterialien.

Aufregend klingt das nicht. Schließlich liegen die berühmtesten Maßstäbe, das Ur-Kilogramm und der Ur-Meter, ganz woanders, im Pariser Vorort Sèvres.

Dorthin pilgern die nationalen Messdiener alle paar Jahre. Denn Messen braucht Maßstäbe. Sie erweisen der Referenz ihre Reverenz. Unser Alltag will geeicht sein.

In der flämischen Sandbüchse bei Geel arbeiten 180 Wissenschaftler an Messverfahren und Referenzmaterialien verschiedenster Art, zumeist im Auftrag der Brüsseler EU-Kommission, Jahresetat nur 32 Millionen Euro. Wo, Herr Direktor, steckt eigentlich der Mehrwert für die Union? Was kann das IRMM, das die alten nationalen Messanstalten, etwa die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig mit sechsmal mehr Angestellten, nicht auch können?

Der Wiener Chemiker Manfred Grasserbauer hatte sich genau dies gefragt, ehe er Direktor in Geel wurde. Seine Antwort war der energische Umbau des Instituts, das jetzt auf vier Säulen ruht: Erstens das Zentrum für Referenzmaterialien und chemische Referenzmessungen. Es unterhält mit einer halben Million zertifizierter Proben die größte Sammlung außerhalb der Vereinigten Staaten. Diese dienen beispielsweise Untersuchungen zur Nahrungsmittelsicherheit (Wein in Pulverform, na so was, damit werden Bleibelastungen in 39 Staaten verglichen) bis zur Eiweißbestimmung in klinischen Diagnosen. Zweitens ein Labor für Isotopenmessungen mit 21 Massenspektrometern, ein Rekord für Europa. Hier werden, ähnlich wie Fingerabdrücke, physikalisch-chemische Merkmale von Nahrungsmitteln und Materialien gemessen bis hin zu Uran-Isotopen für die Reaktorsicherheit. Die dritte Abteilung für Neutronenphysik mit ihrem Linear- und Van-der-Graaff-Beschleuniger war in fernen Euratom-Tagen die Keimzelle des Ganzen und steht heute vor neuer Blüte - Reaktorsicherheit in künftigen EU-Ländern! Schließlich als vierte Säule das Radionuklid-Labor namens Hades.