Befindlichkeitslyrik - kann es Schrecklicheres geben im Land der Poesie?

Der Dichter Thomas Kling wurde im Zorn geboren. Im Zorn auf die Ich-Sager der siebziger Jahre. Deren Ausgangspunkt sieht er Mitte der Sechziger, als der Eigensinn der Literatur in ideologisch aufgeladenen Zeiten einem Nullpunkt zutrieb, und ihre Nachwirkungen dauern ihm bis Ende der Achtziger, in einigen Strömungen bis kurz vor jetzt. Doch schon in den Fünfzigern war das poetische Idiom arg geschrumpft, karg und stumpf und steif. Woher sollte es auch kommen, das Ausschweifen in Material und Form, nach so viel pompöser Leere.

Wir konstatieren also: schwächste dichterische Proliferationen, ein halbes Jahrhundert Hungerwinter, Wüstenwanderung, möblierte Ödnis. Doch halt - da gibt es eine dünne, aber gut sichtbare Spur! Wir nehmen das Vergrößerungsglas, das auf dem Buchtitel abgebildet ist, und jetzt entdecken wir sie: die Nomaden der Sprache, die sich, von entlegenen Quellen gespeist, in farbige Tücher gehüllt, die Ahnen über die Schulter gelegt, durch die Zeit und die Sprachen bewegen. Eine Karawane, auch eine Filiation.

Filiationen sind immer die Erfindung von Söhnen. Nachgeborene erzeugen sich ihre Erzeuger. Thomas Kling tut dies mit dem historiografischen Mutwillen des Kanonfreien, des Selberdenkers. Seine Botenstoffe sind eine Sammlung von Essays, von Vor- und Nach-, Haupt- und Machtwörtern, die eine erstaunlich homogene Geschichte ergeben, in deren barockem Faltenwurf sich die Physiognomie des Dichters Kling gleichermaßen offenbart wie verbirgt. Ein Mittvierzigjähriger gibt der Geschichte eine Richtung auf sich zu, der Literaturgeschichte selbstverständlich, aber die gilt ihm für die ganze.

Der Vers als Gedächtnisspeicher und Effektmaschine Wie fängt dieses Buch der Essays, Exegesen, Porträts und Polemiken an? Mit dem Großvater mütterlicherseits, mit dem deutschen Expressionismus, mit dem Ersten Weltkrieg. Der Großvater, "1886 geboren, vom Jahrgang Benns und Balls", schenkte dem 13-Jährigen die expressionistische Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung von Kurt Pinthus. Damit aber hatte der Enkel mehr in der Hand als nur ein repräsentatives Buch: ein buchstäbliches Lebenszeugnis seines im Weltkrieg versehrten Großvaters, das die Verfallsform des Wilhelminismus spiegelte und dessen grausames Verzucken im Ersten Weltkrieg.

Die Menschheitsdämmerung war es denn auch, die die Nazis 1933 nach einer Hausdurchsuchung und Buchbeschlagnahmung beim gelehrten verehrten Großvater liegen ließen.

Zur Lyrik der "Generation Verdun" lassen sich alle Spuren im Band Botenstoffe zurückverfolgen. Man bekommt aber auch die Gedichtsammlungen Klings gut in den Blick. Von hier aus gelangte der Dichter zur Berliner Expressionismusfraktion der Hardekopf, Heym, Lasker-Schüler zum italienischen Futurismus und schließlich zu seinem Schlüssel-Ismus des vergangenen Jahrhunderts: dem Dadaismus. Mit Hugo Balls Auftritt als magischer Bischof im Cabaret Voltaire in Zürich, mit seinen Lautgedichten, der Suspendierung von Sinn haben wir ein Kernmythologem der Klingschen Eigen- und Literaturgeschichtsschreibung.