"Die Welt gehört denen, die neu denken", heißt ein Werbeslogan der Springer-Tageszeitung. An diesem Samstag können die Leser zumindest optisch den Eindruck bekommen, die Welt gehöre dem Medienkonzern AOL: Dann wird nämlich die Titelseite ganz in AOL-Blau eingefärbt sein, und eine "Griffecken-Anzeige" verweist auf eine Sonderbeilage von AOL im Inneren des Blatts. Die Ankündigung des Springer-Verlags rief prompt die Mediengewerkschaften auf den Plan, die in der geplanten Farbaktion einen "Verstoß gegen die Richtlinien des deutschen Presserats" sahen (DJV-Chef Siegfried Weischenberg) beziehungsweise die Aufhebung der räumlichen Trennung von redaktionellem Teil und Werbung (ver.di-Sprecher Henrik Müller). Nachdem Welt-Sprecherin Charlotte Rybak zunächst noch erklärt hatte, man werde die neue Farbe nicht besonders erläutern, scheinen dem Verlag Bedenken gekommen zu sein - jedenfalls wird es nun auf der Titelseite "einen Hinweis auf die Entgeltlichkeit der Farbgestaltung" geben. Juristische Fragen hin oder her - eine kostenlose Zusatzwerbung verschaffte die Welt ihrem Anzeigenkunden auf jeden Fall durch die Ankündigung, die fünf Tage vor dem Erscheinen herauskam und in vielen Zeitungen gedruckt wurde - nur nicht in der Welt. Deren Leser werden also am Samstag so richtig überrascht sein.

Und wo bleibt das Positive? Hier: Der Chefredakteur der Schweizer Boulevardzeitung Blick, Jürg Lehmann, schickt seine Liebesbriefe nicht per E-Mail, sondern in "guter traditioneller Manier per Brief". Außerdem stellt er fest: "Die Adressatin derartiger Beteuerungen ist ohnehin meine Frau, mit der ich durchaus eine intakte Beziehung inne habe." Die ZEIT bestätigt hiermit ausdrücklich, dass Lehmann nicht identisch ist mit dem Redakteur, dessen als Massenmail verschickter Liebesbrief in der Schweiz für Amüsement sorgte (ZEIT Nr. 31/01). Manchmal ist der kleine Unterschied zwischen "Chefredakteur" und "Chefredaktion" eben entscheidend.

Christoph Drösser (offline@zeit.de)