Berlin Ist Gerhard Schröder noch der Modernisierer, als der er vor drei Jahren in den Bundestagswahlkampf zog? An zweifelnden Stimmen besteht kein Mangel.

Halbherzigkeit bei den bisherigen Reformen ist noch die mildere Form der Kritik, die der sozialdemokratische Bundeskanzler zu hören bekommt, neuerdings auch von Modernisierern in der eigenen Partei, jungen Schröderisten, denen er nicht Schröder genug ist. Der gemeinsame Tenor der Unzufriedenen: zu viel alte SPD und IG Metall, zu wenig Dritter Weg und Schröder-Blair-Papier, zu viel Sozialstaat und klassische Wohlfahrt, zu wenig Konsequenz beim Abbau von Regeln und Rechten.

Doch spätestens seit Genua ist - zumindest für die SPD-Wahlstrategen - auch eine andere Frage legitim: Wie viel Modernisierung kann der SPD-Kanzler sich im Wahljahr noch leisten? Anders gefragt: Wie viel Reform verträgt der Mensch, wenn rundherum sich alles ändert? Zwar fehlt es nicht an Argumenten für Globalisierung, Wissensgesellschaft und Eigenverantwortung. Doch Meinungsforscher und Sozialpsychologen belegen, dass dies keineswegs dem Grundgefühl der Bevölkerungsmehrheit entspricht. Im Gegenteil: Trotz allen Wandels der Gesellschaft zu mehr Individualisierung bewirkt die Geschwindigkeit der technologischen und sozialen Veränderungen neue Unsicherheit. Und hinter vielen sozialpolitischen Reformen, die eine bessere Zukunft verheißen, wittern die Reformbetroffenen Veränderungen zu ihren eigenen Lasten. Das macht das Reformgeschäft nicht leichter, erst recht, wo damit Einschnitte in Verteilungs- und Versorgungssysteme verbunden sind.

Dagegen massieren sich die Widerstände, wie die Konflikte in Portugal, Griechenland und sogar in den Konsens gewohnten Niederlanden zeigen.

Streiks, interne Richtungskämpfe und im Ergebnis Reformblockaden sind die nationalen Analogien zu den Demonstrationen und Gewaltexplosionen am Rande der globalen Gipfelkonferenzen. So werden im Zeichen der Globalisierung Begriffe wie Reform und Modernisierung zu verdächtigen Vokabeln, zu dirty words, mit denen man die Massen nicht mehr ohne weiteres für sich gewinnt.

Die Folge: Reformprozesse geraten ins Stocken und Reformregierungen ins Wanken. Modernisierer leben gefährlich.

Was tun? Im Augenblick sieht es so aus, als vertraute der Kanzler noch auf den persönlichen Bonus, den alle Meinungsforscher ihm bestätigen, nicht nur Forsa-Chef Manfred Güllner, von dessen gefälligen Daten sich Schröder inzwischen emotional ähnlich abhängig gemacht hat wie sein Amtsvorgänger von den guten Nachrichten aus Allensbach. Schröder liegt in der Wählergunst unverändert gut. Doch bedeutet das denn auch, dass der Kanzler das eigentliche politische Problem löst, nämlich die Überwindung des öffentlichen Missvergnügens an der Politik, namentlich an einer Politik des Wandels? Das wäre, wie die Forschung zeigt, ein Trugschluss. Der Mannheimer Fachmann Dieter Roth (Forschungsgruppe Wahlen) sieht, gestützt auf empirische Untersuchungen, "eine hohe Unsicherheit in der Bevölkerung, ob die Regierung oder auch die Opposition überhaupt in der Lage ist, die Probleme zu lösen".