Die Jagdhunddame Maggie liebt den Freischütz. Besonders den Jägerchor, mit den Waldhörnern. Deren Klang kennt sie schon von zahlreichen Jagdausflügen mit Herrchen am Wochenende. Maggie hat schon verstanden: Hier, auf dem Übungsplatz der Tübinger Hundeschule, fordern die Hörner nicht Auf, auf zum fröhlichen Jagen, sondern zum Tanz mit Chantal Ratz, ihrem Frauchen.

Die Tanzfläche ist mit gehäckselten Baumrinden bestreut. Maggie, mit grünem Halstuch verziert, steht dicht neben Chantal, die eine grüne Lodenjacke und einen Försterhut trägt. Hund und Frauchen schauen konzentriert geradeaus. Die Freischütz-Fanfaren heben an, los geht's im rhythmischen Gleichschritt. Nach drei Metern setzt der Chor ein: Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen, wem sprudelt der Becher des Lebens so reich? Zeit für die erste Pirouette. Maggie rechts herum, Chantal links herum. Dann das Ganze umgekehrt und zurück in den Gleichschritt. Nächste Drehung: Diesmal kreist Maggie um Chantal. Stopp. Kurzes Intermezzo und wieder der Chor: Den Hirsch zu verfolgen durch Dickicht und Teich. Maggie kriecht zwischen Chantals Beine. Sie gehen gemeinsam rückwärts. Rück, Rück, Stopp. Rolle seitwärts.

Dann wieder die Hörner, Schlussakkord und - hops!, Maggie landet in Frauchens ausgebreiteten Armen. Zur Belohnung gibt es am Ende der Kür eine Blutwurstscheibe und den Beifall der sechs Kurskolleginnen. Maggie scheint beides zu gefallen.

Und Chantal Ratz kann alles erklären: Durch Dogdance bekomme ich eine viel intensivere Bindung zu meinem Hund, sagt sie, da ist es mir egal, wenn sich irgendjemand über uns lustig macht.

Etwa 200 Hundeliebhaber tanzen zurzeit in deutschen Vereinen und Hundeschulen mit ihren Vierbeinern. Und das scheint erst der Auftakt zu sein: Die Hundesportvariante Dogdance - in Amerika Ende der achtziger Jahre erfunden und dort mittlerweile weit verbreitet - fasst auch in Deutschland immer stärker Fuß. Für Anfängerkurse gibt es in den wenigen Hundeschulen, die Dogdance anbieten, inzwischen Wartelisten. Bald sollen nach amerikanischem Vorbild auch in Deutschland erste Tanzwettbewerbe ausgerichtet werden.

Mag der Tanz mit dem Hund zunächst aussehen wie ein Scherz exzentrischer Hundenarren: Er hat tatsächlich einen tierpädagogischen Hintergrund.

Gelangweilte Schoßhunde sollen durch die Tanzkunststückchen geistig gefordert werden und dadurch Aggressionen abbauen. Außerdem ist Dogdance Gerhorsamkeitstraining: Tanzende Hunde gehorchen ihren Herrchen auch außerhalb der Tanzarena. Nicole Kammerer, 32, hat Dogdance nach Tübingen gebracht. Die studierte Tierpsychologin eröffnete 1995 die erste kommerzielle Hundeschule im Großraum Stuttgart. Seit Anfang dieses Jahres bietet Kammerer auch Kurse im Hundetanz an. Dogdance ist der erste Hundesport, der Raum für Individualität und Kreativität lässt, sagt sie. Ihre Kursteilnehmer sind entsprechend Hundehalter und, vor allem, Hundehalterinnen, die ihre Tiere zwar ausbilden wollen, denen jedoch die klassischen Hundesportarten wie Schutzhundtraining oder Fährtenarbeit mit zu viel starrem Drill verbunden sind.