Berlin

Nur zwei überall ernst genommene politische Intellektuelle sind aus der zerfallenden DDR hervorgegangen. Wohl gab es, in der Revolutionszeit wie auch danach, eine Menge Schriftstellerengagement, von Christa Wolf bis Wolf Biermann, aber es war nicht durchweg realitätsnäher als die Interventionen der westdeutschen Literatenkollegen. Ein paar echte gesamtdeutsche Politikerkarrieren haben sich auch entwickelt, wie die von Angela Merkel oder Wolfgang Thierse

eine Sonderrolle als Ein-Mann-Institution und moralische Instanz spielte Joachim Gauck. Aber regelmäßige originelle und informierte Beiträge zur öffentlichen Diskussion, unverwechselbar in der Debattenroutine der Bundesrepublik und zugleich kompatibel mit ihrer Wirklichkeit? Da ist Jens Reich, Biowissenschaftler und seinerzeit eine der führenden Figuren im Neuen Forum, der sich wieder in die Forschung zurückgezogen hat, aber publizistisch präsent geblieben ist, beim neuen Thema Gen-Ethik sogar wieder mehr als früher. Und da ist Richard Schröder, der Theologe und Philosoph, der Vorsitzender der SPD-Fraktion in der ersten und einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR war.

Kein PDS-Fresser

Schröder, in seiner Partei seit längerem ohne viel Einfluss, hat jetzt noch einmal tagespolitisches Aufsehen erregt, mit seinem Rückzug aus der Grundwertekommission der SPD. Kürzlich in den Nationalen Ethikrat des Bundeskanzlers berufen, müsse er seine Nebenbeschäftigungen neu ordnen (Schröder ist Professor an der Berliner Humboldt-Universität). Er habe sich freilich auch "furchtbar geärgert" über Generalsekretär Münteferings Art, mögliche Kooperationen mit der PDS als Beitrag zur Vollendung der deutschen Einheit darzustellen. Als Mittel zum Zweck, um etwa aus der Großen Koalition in Berlin herauszukommen, sei das Zusammenspiel mit den Postkommunisten "noch kein Sündenfall". Schröder bemüht sich, im laufenden Hauptstadtwahlkampf nicht unsolidarisch zu sein. Aber man darf ohne großes Risiko vermuten, dass ihm die ganze Richtung nicht passt.

Dabei ist er in der Tat kein dogmatischer Gegner jeder Zusammenarbeit mit der PDS. Nur hat ihn schon in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die versöhnungsrhetorische Überhöhung dieser unerfreulichen und nicht ungefährlichen "Notlösung" geärgert - als sei die SED-Erbin die legitime und repräsentative Anwältin des Ostens oder das Bündnis mit ihr die lang ersehnte Wiedervereinigung der in Sozialdemokraten und Kommunisten gespaltenen Arbeiterklasse. Man darf, so sieht es Schröder, der PDS keinen dauerhaften regionalen oder ideologischen Daseinszweck zubilligen

sie ist nicht die CSU der fünf neuen Länder, nicht die bislang fehlende linke Kraft im Parteienspektrum der Bundesrepublik, sie ist übrigens auch nicht die "bunte Truppe" des durchaus atypischen Gregor Gysi. Im Kern bleibt sie eine Partei des Ressentiments, bei ihren Mitgliedern sowieso, aber weithin auch bei ihren Wählern, die am Ende eben doch nicht mehr als rund ein Fünftel der ostdeutschen Bevölkerung ausmachen.