Als der New Yorker Idlewild Airport 1959 nach zehnjähriger Bauarbeit mit neun nagelneuen Terminals dem Zeitalter des weltweiten Luftverkehrs entgegenblickte, galt er als Inbegriff von Modernität und Effizienz. In weniger als zwei Jahrzehnten verkam die inzwischen nach John F. Kennedy benannte Anlage zu einer international berüchtigten Katastrophe, überlastet, unübersichtlich und unfreundlich. Für die Ära des frühen Flugtourismus entzündete sich mittlerweile eine designbewusste Nostalgie, PanAm-Porzellan der ersten Klasse und BEA-Aschenbecher werden zu hohen Angeboten im Internet versteigert, und Eero Saarinens mehrfach vom Abriss bedrohtes TWA-Gebäude, mit seinen drei schlanken Beinen schon fast dem Erdboden enthoben, gehört längst in die Kategorie der Kultarchitektur.

Die aktuelle Realität des Reisens entbehrt jedoch jeglicher Spur des einstigen Glamours, und das International Arrivals Building des JFK-Flughafens galt bisher als besonders desolater Schauplatz rüder Massenabfertigung. An seiner Stelle eröffnete gerade Terminal 4, der Passagiere aus Übersee mit Kunst und klarer Ikonografie empfängt und Abreisenden die Zeit mit einem reichhaltigen kommerziellen Angebot vertreibt.

144 Check-in-Positionen sollen die notorisch langen Schlangen verkürzen und den wichtigsten amerikanischen Flughafen für den stetig schwellenden Tourismus präparieren, der in weniger als einer Dekade die weltgrößte Industrie ausmachen wird.

Das immer unvermeidlichere Warten auf zunehmend unpünktliche Maschinen, im Luftfahrtjargon euphemistisch als Verweilen bezeichnet, gedenkt das neue Management vom passiven, betäubten Herumlungern zu einer nützlichen Aktivität zu veredeln: Den voraussichtlich sechs Millionen Passagieren, die jährlich durch die riesige Halle wandeln, werden alle Bequemlichkeiten eines vorstädtischen Shopping-Centers geboten. Dabei verzichtete die renommierte Firma Skidmore, Owings & Merrill, die auch für das ursprüngliche International Arrivals Building verantwortlich war, auf baukünstlerische Extravaganz. Seit das Fliegen seine Exklusivität verloren hat und praktisch jeder zum Jet-Set gehört, verdient es keinen futuristischen Tempel mehr. Am JFK hat man sich für Hunderttausende Quadratmeter soliden Steinfußboden und omnipräsente Markennamen entschieden.

In den zwanziger Jahren, als der Luftraum einer winzigen Elite vorbehalten war und sich die Hierarchisierung der Reisenden in verschiedene Klassen erübrigte, hatte LeCorbusier die Vision, Flugzeuge auf Rollfeldern auf den Dächern der Wolkenkratzer starten und landen zu lassen. Die zeitgenössische Wirklichkeit hat Flughäfen jedoch an die Peripherie verbannt, wo sie sich, wie in Chicago, zu konkurrierenden urbanen Zentren entwickelt haben.

Koffer auf Röntgenbildern Die Terminal City ist eine zunehmend autarke Entität, die der Zerstreuung der Passagiere gewidmet ist. In New York geht das natürlich nicht ohne Kunst, schließlich gehört sie neben Mode und Altpapier zu den wichtigsten Exportprodukten sowie zu einer der lukrativsten Touristenattraktionen der Stadt. Das dem müden Reisenden immer endlos erscheinende Niemandsland labyrinthischer Gänge, bevor er zu den Schaltern der Einwanderungsbehörde gelangt und offiziell den Boden der Vereinigten Staaten von Amerika betritt, erwies sich als idealer Ausstellungsraum. So zweigte das private internationale Konsortium J.F.K.I.A.T. rund eine Million Dollar von dem 1,4-Milliarden-Budget, das der Terminal 4 verschlang, für permanente künstlerische Installationen in den sterilen Korridoren ab.

Aus den 40 Teilnehmern eines 1996 ausgeschriebenen Wettbewerbs wurden drei Kandidaten ausgewählt: das Architektur- und Designteam Elizabeth Diller+Ricardo Scofidio ließ sich von der Banalität der langen Flure, die das Paar enthusiastisch als Raum im Limbo und von daher als perfekte Situation für eine interessante Identitätskrise definierte, inspirieren - und was verrät schon mehr über eine Person als der Inhalt ihres Koffers? Auf dem Weg zur Passkontrolle unterhält Travelogues die Reisenden mit einer Serie leuchtender Röntgenaufnahmen von Gepäckstücken, deren Ansicht sonst das Privileg des Bodenpersonals ist. Für den Blick en passant ist auch die Curtain Wall von Harry Roseman gedacht: Auf einer himmelblauen Wand wehen und blähen sich 30 Vorhänge aus Gips mit der unverkennbaren Absicht, Wind und Wolken, private Räume und nationale Grenzen heraufzubeschwören. In der Immigration Hall schließlich wird der Ankömmling mit 28 Straßenszenen aus New York konfrontiert, die die Vielfalt der Stadt vom Fischmarkt bis zu Saks Fifth Avenue demonstrieren sollen. Die Künstlerin Deborah Masters verschoss 70 Rollen Film und ließ den Bilderwirbel dann zu bunten Reliefs gerinnen, die mit der Avantgarde der Kunstmetropole allerdings nicht viel zu tun haben. Das Alexander-Calder-Mobile Flight, das aus dem alten Terminal in das neue Abflugareal gerettet wurde und nun dort seine graziösen Schwingen im Luftzug der Klimaanlage bewegt, erinnert an eine Zeit, als Fliegen und Eleganz Synonyme waren.