Wie lässt sich die Identität einer Stadt bestimmen, die als Markenzeichen das Geheimnis kultiviert? Indem man ihr auf den Grund geht. Genau das macht die österreichische Künstlergruppe Gelatin in ihrer Arbeit für die diesjährige Biennale di Venezia mit einer Hommage auf das ureigene Element der Stadt - das Wasser. Mögen Reiseführer an Venedig seine architektonischen Kostbarkeiten bewundern oder von den Kunstsammlungen schwelgen, sie alle vergessen: dass es sich um die erste Stadt handelt, die sich flächendeckend als Freibad benutzen lässt. Nur macht es keiner!

Soll hier niemand mit schlechter Wasserqualität oder organischem Treibgut kommen. Die Touristen besuchen doch die Stadt trotzdem, schließlich sinkt sie, und die Zeit wird knapp. Wenn der Moment kommt, da sie für immer in den Fluten der Adria verschwindet, heißt es "Gut gesprungen ist halb geschwommen". Das schienen sich auch die Aktionskünstler von Gelatin gedacht zu haben und legten unter dem Titel Nellanutella eine Einführung in die Kunst des Stadtraumspringens im bedienerfreundlichen Taschenformat vor. Ihr Motto, nach Douglas Adams: "Flying is the art of throwing yourself at the ground and missing" - Die Kunst des Fliegens besteht darin, sich zu Boden zu werfen, diesen aber zu verfehlen. Schönere Stürze als die, die hier dokumentiert sind, kann man sich kaum vorstellen: rückwärts aus der Gondel, zerstreuten Schrittes von der Brücke, horizontal vom Café am Wasserrand ins trübe Nass explodierend - ja selbst aus dem Fenster im 2. Obergeschoss fallen sie in ekstatischen Verrenkungen. Entzückt schauten die Touristen von ihren Guide-Bleu- und Baedeker-Führern auf, um sich der kunsthistorischen Einordnung des Geschehens zu widmen.

Spricht nicht einiges dafür, dass es sich um ein ortsspezifisches Performance-Kunstwerk handelt? Einige Beobachter mögen die Anwendung gewisser Körpertechniken der gestischen Malerei eines Gioges Mathieu auf die alltägliche Erfahrung des Stadtraums vermutet haben, wie er in den soziologischen Studien von Michel de Certeau (Die Kunst des Handelns) in der Nachfolge von Henri Lefèbvre thematisiert wurde. Stärker kulturwissenschaftlich argumentierende Diskurse sahen in der Arbeit des österreichischen Künstlerquartetts mit Blick auf die Entwicklung der amerikanischen Vergnügungsindustrie ein leidenschaftliches Plädoyer für die kulturelle Authentizität der Lagunenstadt. Gibt es doch seit Jahren in Las Vegas, der inoffiziellen Partnerstadt Venedigs, einen spielerisch-industriellen Komplex namens The Venitian, in dem Venedig schamlos verdoppelt wird.

Auf künstlichen Kanälen, die das Gebäude im Obergeschoss (!) durchziehen, werden im fernen Amerika motorbetriebene Gondeln von italienisch singenden Gondolieri durchs swimmingpoolblaue Wasser gestakt. Experten der Stiftung Denkmaltest monieren die mangelnde atmosphärische Detailtreue. In der Tat sucht man bakteriologisch wertvolle Kulturen wie tote Ratten und fette Tauben, wie sie die Nellanutella-Akteure am eigenen Leib erfahren, im glitzernden Spielerparadies vergebens. Es zeigt sich also: Wer sich nach Ursprünglichkeit sehnt, wird auch in Zukunft ins echte Venedig fahren müssen.

Gelatin sei Dank.

* Gelatin:

Nellanutella