Wer Kriegsgeschichte vom frühen Mittelalter bis in unsere Gegenwart auf etwas mehr als hundert Seiten darstellt, und das ganz ohne Fußnoten, wird wohl zwangsläufig auf jeder Seite Korrekturen und Einwände ernten. Michael Howard, der zu den besten Kennern der europäischen Militärgeschichte gehört, hat sich durch diese Aussichten nicht davon abhalten lassen. Dabei geht er davon aus, dass Krieg historisch den Normalzustand darstellt. Dagegen ist der Frieden eine ungleich komplexere und voraussetzungsvollere Angelegenheit, und deswegen musste er auch erfunden werden und konnte erst nach vielen Versuchen gegen die starke Neigung der Herrschaftseliten zum Krieg durchgesetzt werden.

Das ist keine sonderlich frappierende, aber immerhin doch robuste These, die Howard an vier Abschnitten der - bevorzugt europäischen - Kriegsgeschichte überprüft. Er beginnt mit der langen Periode von 800 bis 1789, während deren Priester und Fürsten die politisch-kulturelle Ordnung beherrschten. Trotz eines ersten Anlaufs, in dem die göttliche Ordnung als eine des Friedens begriffen und gegen den Krieg gestellt wurde, blieb die militärische Führungskraft für das politische Schicksal ausschlaggebend. Politische Eliten wie Gemeinschaften, die sich in den immer wieder ausbrechenden Kriegen nicht zu behaupten vermochten, gingen unter und verschwanden von der politischen Landkarte. Der Krieg war die Selektionsinstanz der Geschichte: Wer mit Gewalt am besten umgehen konnte, gelangte an die Macht, und wenn eine so entstandene Herrschaftselite im Konflikt mit anderen versagte, trat eine gewaltbereitere und durchsetzungsfähigere an ihre Stelle.

Was Howard aber mehr interessiert als bloße Kriegsgeschichte, auf deren nuancierte Darstellung er in diesem Buch auch wenig Wert legt, ist die "Erfindung" des Friedens. Die bedeutendsten Köpfe dieses Projekts findet er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, und zwar unter den französischen Aufklärungsphilosophen, englischen Nonkonformisten, schottischen Moralphilosophen sowie deutschen Publizisten. Was aber in ihren Schriften qualifiziert sie - außer einer mehr oder minder ausgeprägten Abneigung gegen den Krieg - zu "Erfindern" des Friedens? Leider hat sich Howard bei der Beantwortung dieser Frage mehr bei Elogen auf die Leistung dieser Denker aufgehalten, als dass er klar sagt, worin diese bestanden hat. Offensichtlich meint er die Entdeckung einer sozialen Klasse, deren sozialer Aufstieg und dauerhaftes Wohlergehen gerade nicht an den Krieg, sondern an den Frieden gebunden ist. Die Rationalität des Bürgertums ist demnach in Verbindung mit einer Wirtschaftsweise, in der Gewalt notorisch dysfunktionale Effekte hat, der entscheidende Schritt auf dem Weg zum Frieden.

Eine solche Feststellung ist - bei allem Respekt vor Kant - irritierend, wenn man bedenkt, dass gerade im 18. Jahrhundert eine neue Welle europäischer Kolonialreichsbildung ihren Anfang nahm, bei der nicht sozial depravierte adlige Glücksritter, sondern Kaufleute und Handelsgesellschaften die treibenden Kräfte waren. Immerhin flüchtet sich Howard nicht in die fragwürdige These, Demokratien hätten noch nie gegeneinander Krieg geführt, sondern konzediert, dass die bürgerliche Elite Englands im 18. und 19.

Jahrhundert eine ausgreifende Eroberungspolitik betrieben habe, insofern Krieg und Gewalt ihren Wohlstand vermehrt hätten.

Dass mit der Französischen Revolution die "Erfindung" des Friedens nicht zum Tragen kam, sondern die Kriege intensiver und blutiger wurden, führt Howard auf die Vorstellung vom zu verteidigenden Vaterland zurück, in deren Folge die Bevölkerung in das Kriegsgeschehen einbezogen wurde. Howard nennt die damit beginnende Epoche, die er bis 1918 dauern lässt, die der Völker und Nationen. Sie ist gekennzeichnet durch die mit dem Wiener Kongress erreichte Einhegung des Krieges in Europa bei gleichzeitigen brutalen Massakern in den Kolonien. Während Bentham und Cobden von der Durchsetzung des Marktes und kommerzieller Beziehungen im Weltmaßstab eine allgemeine Friedensordnung erwarten, entwickeln die kleinen Nationen in den großen Reichen Mittel- und Osteuropas eine zunehmende Sprengkraft, die schließlich in den Ersten Weltkrieg hineinführt. Nach seinem Ende, so Howard, wäre die Durchsetzung einer auf Marktbeziehungen und Menschenrechten beruhenden friedlichen Weltordnung möglich gewesen, wenn nicht die Friedensstörer Kommunismus und Faschismus aufgetreten wären.

Das postheroische Zeitalter