In dem studierenswerten Buch des Medienwissenschaftlers Dieter Prokop Der Kampf um die Medien findet sich eine Abrechnung mit Roland Barthes. Dieser hätte überall "Mythen" gesehen, aber ich denke nicht, dass Prokop sehr gewillt ist zu verstehen, was der Mythos im Sinne von Roland Barthes uns sagen will. Wenn Prokop argumentiert, das Gesicht der Monroe hätte stets sowohl Künstlichkeit als auch Authentizität gezeigt, und daraus folgert: "Da war nicht nur 'Mythos'", dann kommt mir vor, dass genau dies von Roland Barthes zu lernen war: Der Mythos entsteht nicht zuletzt im Vorzeigen von Künstlichkeit und Authentizität. Aus dieser Zweideutigkeit - nämlich daraus, dass er nie nur Mythos ist - schöpft er auch die Kraft, unsere Fantasie zu beschäftigen.

Ich bestreite außerdem, dass man in der Mythologie des Roland Barthes aus dem Jahre 1957 eine Zelebration der Abgrenzung vom Massengeschmack sehen muss.

Die Eleganz des Stils verrät, dass der Intellektuelle nicht bloß Freude am Abgrenzen hatte

die Produkte der Medien, zum Beispiel das Gesicht der Garbo, genoss er, wie man so schön sagen kann, in "vollen Zügen". Prokop aber beendet den kurzen Prozess, den er Roland Barthes macht, mit dem Urteil: "Die erfolgreichen Medienprodukte waren schon damals differenzierter als die Kritik. Es war schon damals nicht gut, wenn aus der schlechten Realität der Warengesellschaft immer nur der Kritiker als moralischer Sieger hervorgeht."

Diese Kritik eines Wissenschaftlers ist klassisch: Sie ist Kritik an der Kulturkritik. Bei Reclam Leipzig hat Ralf Konersmann ein Studienbuch mit dem Titel Kulturkritik. Reflexionen in der veränderten Welt herausgegeben. Seine Einleitung ist ebenso ausgezeichnet wie die Auswahl der Texte von Barthes, Benjamin, Cassirer, Goethe, Horkheimer, Diogenes Laertios, Nietzsche, Rosseau, Ruskin, Schiller, Seibt und Simmel. Dass Adornos berühmter Essay Kulturkritik und Gesellschaft zwar zitiert wird, aber nicht in die Textsammlung aufgenommen ist, erklärt sich für mich einfach: Wo Kulturkritik draufsteht, ist Adorno immer drin. Seine wie zum Zitieren gemachten Sätze haben das Bewusstsein für das Problem überhaupt erst geweckt: "Dem Kulturkritiker paßt die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt ... Der Kulturkritiker kann kaum die Unterstellung vermeiden, er hätte die Kultur, welche dieser abgeht."

Es kommt aber auch vor, dass ein Kulturkritiker tatsächlich die Kultur hat, die dieser abgeht. Erstaunlich, wie sehr Goethes Text Kunst und Handwerk ins kulturkritische Paradigma passt: Während das Handwerk den Besitz an der Masse des Mechanischen bereichert, womit man für Augenblicke Freude haben kann, schafft die Kunst Werke, die die Menschen zu allen Zeiten glücklich machen werden. Aber heutzutage, sagte Goethe seinerzeit, haben "kluge Fabrikanten und Entrepreneurs" die Künstler in ihren Sold genommen. Die Künstler produzieren selber mechanisch, das Kunstgewerbe triumphiert über die Kunst, und "die aufkeimende Neigung des Publikums (wird) durch eine scheinbare Befriedigung abgeleitet und zu Grunde gerichtet".

Konersmann weist darauf hin, dass die Kritik an der Kulturkritik die Unterstellung kaum vermeiden kann, sie wäre selber nur Kulturkritik. Eine politisch motivierte Ideologiekritik ist nach Konersmann keine Alternative zur Kulturkritik