Wenn es im Spätsommer schneit, wird sich kein Bauer wundern, gefrorene Kartoffeln zu ernten

ein Politiker möglicherweise schon, da den Machthaber der Gedanke befremdet, noch immer Mensch und deshalb den Bauernregeln unterworfen zu sein. 1968 erlebte die Tschechoslowakei eine denkwürdige meteorologische Anomalie: Der Prager Frühling begann Anfang Januar, nachdem es zuvor im Politbüro kräftig getaut hatte, und währte bis August, um plötzlich einem strengen Winter zu weichen.

In Prag ist den Dichtern damals die politische Widersetzlichkeit zur zweiten Natur geworden, und dort kündigt nun ein Schriftsteller der nachfolgenden Generation seinen "persönlichen Beitrag zum Wahlkampf 2002" an. Michal Viewegh, 39, gemäßigter Kritiker des vormaligen Ministerpräsidenten Václav Klaus, will im kommenden Jahr einen "ironischen Nachwende-Roman" vorlegen.

Wer sich aber derart vorauseilend seinem Publikum an den Hals wirft - kann der, rückblickend, jene schonungslose Selbstbefragung bewerkstelligen, für die ein Václav Havel in Haft wanderte?

Der Arbeitstitel Wunderbare Jahre mit Klaus sei eine Anspielung auf Vieweghs Erfolgsroman Wunderbare Hundejahre. Abgesehen von der kleinen Eitelkeit des Selbstzitats und der Tatsache, dass Vieweghs bisherige Texte weitläufige Zitatengefüge waren, lassen hier natürlich Günter Grass' Hundejahre grüßen, vor allem aber Die Wunderbaren Jahre des Reiner Kunze, der seinen Titel wiederum aus Truman Capotes Grasharfe entlehnte. Kunzes 1976 im Westen erschienene Prosaskizzen aus dem repressiven Alltag veranschaulichten, weshalb Gitarrespielen im Sozialismus umstürzlerisch wirken musste. Daneben zitierte Kunze mehrere seit 1968 totgeschwiegene tschechoslowakische Autoren, was denn auch seine Ausreise aus der DDR drastisch beschleunigte.

Die bangen Fragen lauten nunmehr: Will Viewegh mit jener legendären Tradition der Prager littérature engagée brechen, die sich über größtmögliche Distanz zur Staatsmacht definierte? Kann er überhaupt anders, nachdem diese intellektuelle Gegenkultur sich durch erfolgreichen Umsturz selbst abschaffte und mit Havels Präsidentschaft vorübergehend sogar die Position des bisherigen Gegenspielers besetzte? Im Zentrum der Macht, so viel steht immerhin fest, gibt es keine literarische Autonomie. Vermutlich möchte Viewegh einen Grundwiderspruch zwischen Demokratie und Diktatur mit marktwirtschaftlicher Eleganz aufheben, indem er die klassische "Kunst als Waffe" zugleich als Ware instrumentalisiert. Tschechiens öffentlich-rechtlicher Sender CT jedenfalls bemüht sich bereits um die Rechte an einer Serie. Das wäre in der Tat wunderbar: die Regierenden gegen's Schienbein treten und trotzdem die Marx-Gesamtausgabe in Goldschnitt kaufen können. Da stört es wenig, dass sich die zu verscherbelnde Ware bis dato im Zustand der Prophezeiung befindet. Diese wird sich nach dem Börsenprinzip idiotensicher selbst erfüllen. Wie schön außerdem, sich nicht länger mit Václav Havels Forderung quälen zu müssen, das Werk solle immer ein wenig schlauer sein als sein Autor. Wo noch kein Werk ist, da bleibt das Schlauheitsmonopol beim Dichter

und wenn der pränatale Bücherrummel ausgetobt hat, schaut erfahrungsgemäß niemand mehr so genau hin.