Rachel Salamander, 52, wurde im Displaced Persons Camp für Überlebende des Holocaust im niederbayerischen Deggendorf geboren - und wuchs sieben Jahre lang in verschiedenen DP-Lagern auf. Im Studium begann die Jüdin die Spurensuche in der deutsch-jüdischen Geschichte und machte sie zur Lebensaufgabe. 1982 eröffnete sie in München ihre "Literaturhandlung". Die auf Literatur zum Judentum spezialisierte Fachbuchhandlung mit Antiquariat und Dokumentation ist zugleich auch Treffpunkt für Emigranten und Forum moderner jüdischer Erzähler (Amos Oz, Barbara Honigmann). Die Kulturmanagerin ist an ihrem Platz kaum zu ersetzen. Deshalb lehnte sie zu Jahresanfang das Angebot ab, Kulturreferentin in München zu werden, und expandiert lieber mit der "Literaturhandlung"

Vor unserem Haus im DP-Lager bei Deggendorf stand eine Holzkiste, etwa eineinhalb auf einen Meter groß. Darin sammelte mein Vater, der Spengler war, Werkzeug, das er von erspartem Geld gekauft oder selber gemacht hatte. Es sollte den Grundstock legen für eine neue Existenz in Israel. Darauf warteten wir alle. Täglich. Mitten im Land der Täter. Hoffnungsträger der vom Holocaust gezeichneten Erwachsenen und Hinweis auf die Zukunft waren wir Kinder - und der Postbote. Alle nannten ihn ehrfürchtig den "Konsul". Er hatte in der Hand, wer gehen durfte, denn er teilte die Visa aus. Unser Visumsantrag für Israel wurde abgelehnt, weil meine Mutter krank war; lange Zeit wurde sie im Lager behandelt, zuletzt in einem Münchner Krankenhaus, wo sie 1953 starb. Als die Absage kam, schickte Vater die Werkzeugkiste seinem Bruder nach Israel und gab damit sein eigenes Leben auf; nur die Verantwortung für meinen fünf Jahre älteren Bruder und mich war ihm noch wichtig.

Vater hatte früher Balalaika gespielt und gespürt, wie sich mit der Musik Kraft und die Zuwendung von Menschen gewinnen lässt. Deshalb sparte er für mich eine Violine zusammen. Ich war im Lager die Einzige, die ein Instrument spielte. Einmal pro Woche kam nun ein Musiklehrer zu mir - einer der seltenen Kontakte mit Leuten von draußen.

Als das Lager 1956 aufgelöst wurde, zählten wir zu den wenigen, die übrig und sitzen geblieben waren. Wir wurden dem Münchner Stadtteil Neuhausen zugewiesen, mit 17 weiteren jüdischen Familien bezogen wir ein Haus: Plötzlich saßen wir in der Großstadt, im Feindesland und in einer anderen Sprache - das war für mich ein Kulturschock. Ich konnte nur Jiddisch, kein Wort Deutsch, und saß als einzige Jüdin unter deutschen Kindern in der zweiten Grundschulklasse. Ich schwieg. Ein ganzes Jahr lang sprach ich nur, wenn ich zu Hause war. In der großen Pause trafen sich mein Bruder und ich oft in einer abgelegenen Ecke des Schulhofs unter einem hohen Baum und heulten einfach. Meine Volksschullehrerin war zum Glück verständnisvoll, sie tadelte mich nicht für mein Schweigen, sondern ließ mich in Ruhe und zeigte mir durch Blicke ihr Wohlwollen.

Allmählich arrangierte ich mich, doch während der ganzen Schulzeit freundete ich mich nur mit wenigen deutschen Mädchen an. Mein Leben begann nach Schulschluss, inmitten der jüdischen Familien. Ich traf mich mit Gleichaltrigen im jüdischen Jugendzentrum und entdeckte die Bücher. "Rachela, du musst lesen", meinte unser Nachbar, ein ehemaliger Jurist, und gab mir Ibsen, Max Frisch - da war ich gerade zwölf Jahre alt; später brachte er oft Brecht. Ich verschlang, was ich kriegen konnte. Vater bestärkte mich: "Das Einzige, das dir keiner nehmen kann, ist das, was du weißt." Als Sozialhilfeempfänger hätten mein Bruder und ich spätestens nach der mittleren Reife in den Beruf gemusst; doch Vater trat beim Sozialamt so beharrlich auf, dass wir weiter zur Schule durften und bis zum Abitur unterstützt wurden.

Ich wollte Kinderärztin werden, vielleicht, weil auch mein Bruder, für mich ein großes Vorbild, Medizin studierte. Ich schaffte den Numerus clausus. 1969 schrieb ich mich ein, brach aber noch im ersten Semester ab: Mir grauste vor den Präparierkursen. Ich wollte lieber über die Menschen als an den Menschen arbeiten und studierte nun Germanistik, Romanistik und Philosophie. Vater konnte diese Entscheidung nicht begreifen, er verband mit Germanistik schlicht Barbarei; mein Bruder verstand und unterstützte mich. Ansonsten blieb ich im Studium sehr auf mich gestellt und wandte mich rasch der Spurensuche in der deutsch-jüdischen Geschichte und Literatur zu. Ich wollte wissen, wer ich bin und woher ich komme, und suchte den Standort meiner Generation. Unsere Entkoppelung von der jüdischen Geistestradition aufheben, rekonstruieren, anknüpfen, den geistigen Reichtum nachzeichnen bedeutete Pionierarbeit.

Am liebsten hätte ich das in meiner Doktorarbeit vertieft und über das Jüdische promoviert. Doch das Thema war damals nicht in, ein Doktorvater kaum zu finden. Also schrieb ich in der Mediävistik über den Verstehensbegriff und griff danach die Spurensuche mit dem Konzept für die Literaturhandlung wieder auf, die ich 1982 in München eröffnete. Die ersten Emigranten kamen als Gäste hierher, erstmals wieder zurück nach Deutschland. Sie erzählten, lasen aus ihren Büchern - eine Aura der Ehrerbietung war im Raum, jeder spürte das Kostbare. Der Erfolg der Literaturhandlung spiegelt auch meine Lebenshaltung: Man muss sich bemühen, Negatives positiv zu wenden, und darf sich auch unter ungünstigen Bedingungen nicht unterkriegen lassen.