Die Knie haben's immer als Erste gewusst. Da mag sich das Hirn noch durch Motive, Mordwaffen und Milieus gewühlt haben - wenn die Knie Richtung Schreibmaschine zu wandern begannen, gab es bald darauf Tote. Wie viele Menschen Herbert Reineckers Knie auf dem Gewissen haben, lässt sich nur schätzen. 281 Folgen Derrick, 97-mal Der Kommissar, ein paar Drehbuchleichen, die nie das Licht der Welt erblickten: Über 400 Tote werden es schon gewesen sein. Der Trend ging ja zum Doppelmord.

In Herbert Reineckers Fernsehreich geht die Sonne nicht unter. Ob in Italien, China oder Russland - irgendwo läuft sicher ein von ihm erdachter Derrick, eine Polizeiinspektion 1 oder eine Folge von Jakob und Adele. Seit Ende August wiederholt 3sat (fast) alle Kommissar- Folgen. Vergangenen Montag feierte das Traumschiff seinen 20. Geburtstag. Sogar an der Entstehung der ZDF-Serie Siska war er beteiligt. Über 500 Drehbücher lagern in seinem Haus am Starnberger See. Ein Keller voller Leichen. Eine weitere kommt demnächst für RTL dazu.

Ein Werk aus Reineckers Feder erkennt man sofort wieder - auch, wenn es zum ersten Mal gesendet wird. Die meisten Fans gewann der Drehbuchautor durch seine Krimiserien. Dass es dabei immer Mord sein musste, war Reinecker "unangenehm". Vom ersten Babeck- Dreiteiler 1968 bis zum letzten Derrick . 30 Jahre lang. In seinen Skripts wurde die Tat selbst denn auch nie gezeigt. Was Kritiker als "langweilig" oder "dialoglastig" bezeichnen, hieß bei Herbert Reinecker "innere Spannung". Der Zuschauer müsse sich mit dem Schicksal einer Figur identifizieren können, "tiefstes Mitgefühl" für sie empfinden. "Ich liebe Menschen, die gequält werden oder in einer Notlage sind", sagt er. "Und der Zuschauer auch." Darf das Mitgefühl auch mal dem Täter gelten? "Mörder sind ja auch Menschen. Ich kann ihm nicht verzeihen, aber sein Motiv erklären."

Der Papst ist "Derrick"-Fan

Ein Reinecker-Krimi war mehr Handwerk als Inspiration: Welches Motiv nehmen wir heute? Habgier, Eifersucht? Ein wenig Rauschgift dazu? Dann noch eine Tötungsart, die schon lang nicht mehr dran war - Achtung, fertig, tot. Reineckers Arbeitsweise gestaltete sich wie bei jedem Serientäter immer gleich: "Man setzt sich an den Schreibtisch und denkt los." Das Ende war ebenfalls immer klar: Das Gute obsiegt über das Böse. Den Täter ereilt seine gerechte Strafe, den Zuschauer moralische Erziehung. "Ich belebe die alten Werte", glaubt Reinecker. "Ein Krimi hat eine Mitteilungs- und Aufsichtspflicht." Gut, er darf auch unterhalten, aber nur, um dem Zuschauer ein wenig Läuterung unterzujubeln. "Wenn ein Mann seine Frau schlägt und der Privatdetektiv, der die Frau beschatten soll, dazwischen geht, sagt der Zuschauer: ,Recht hat er!' Damit habe ich versucht, den Menschen zu verändern." Kein Wunder, dass sogar der Papst Derrick- Fan ist.

Just der Hauptdarsteller kam mit Reineckers Weltverbesserungsversuchen nicht zurecht: Derrick- Darsteller Horst Tappert ließ sich öffentlich über die Moralpredigten aus, die er sprechen musste, Reinecker ätzte zurück. Doch sie haben sich versöhnt, so als ob Stefan Derrick zu einem verfeindeten Brüderpaar gesagt hätte: "Das hat doch alles keinen Sinn. Vertragen Sie sich wieder! Kann ich mal telefonieren?" Beim Abschiedsfest reichten sie einander die Hände: Horst Tappert, der nach dem Prinzip Robert Mitchums, no acting required, agieren musste und von seinem Autor immer mehr zu tun bekommen wollte. Und Herbert Reinecker, der immer nur aus der sicheren Einsamkeit des Schriftstellers den Erfolg mitschnuppern durfte. "Eine Französin hat einmal zu Tappert gesagt, dass sie die Deutschen erst seit Derrick mag. Aber damit hat sie ja meinen Tappert gemeint, er spricht ja meine Sätze."

Ein Polizeipräfekt habe sich gar beim Schauspieler für den guten Anschauungsunterricht bedankt. Dabei waren die Drehbücher nicht immer fehlerfrei, wie der beratende Münchner Kriminaldirektor hin und wieder bemängelte. "Dann musste ich ihn überreden, das Wirkungsvollere dem Richtigen vorzuziehen", sagt der kriminalistische Autodidakt Reinecker. Zu Beginn seiner Mordskarriere habe er sich ein paar Mal zu Recherchezwecken mit dem Chef des Bundeskriminalamts getroffen, aber danach: Die wahren Delikte waren im Kopf. Reineckers krimineller Ehrgeiz hält sich nach wie vor in Grenzen. Der perfekte Mord ist ihm nicht einmal gedankenspielerisch ein Anliegen. Mord ist etwas Böses, schon vergessen?

Strenger ist er da mit der Konkurrenz - falls er sie überhaupt kennt. "Ich habe mir nie andere Krimis angesehen. Jedenfalls keine deutschen." Zu unrealistisch. "Wenn einer den anderen mit der Waffe bedroht und dann stundenlang geredet wird, schalte ich sofort um. Das ist mir zu albern." Zu viele Figuren. "Ab fünf handelnden Personen wird es schlimm. Das war schon beim Kommissar sehr schwierig." Denn jede Figur muss auch weiterverfolgt werden. Ein Anfänger, wer seine Charaktere mittendrunter vergisst, das mögen Schauspieler nicht. Deswegen hatte Derrick statt einer Ehefrau Harry Klein. Der übrigens nie den Wagen holen musste.

Auch den Vorwurf, dass Reineckers Fälle immer im Nobelmilieu spielen, bekämpft der Autor seit Jahren. Entweder, indem er einfach sagt: "Da gehe ich in die Luft, wenn ich das höre." Oder, indem er die Schuld auf den Ausstatter schiebt, der die protzigen Villen aussucht. In Reineckers Haus wäre wohl nie gedreht worden. Zu geschmackvoll eingerichtet. Dabei würde sich in seinem romantischen Weiher ein leicht geschürztes, selbstverständlich weibliches Mordopfer gut machen.

Auch die Bezeichnung Vielschreiber hört er nicht gern. Dabei gehören zu seinen Werken auch Filme wie Die Trapp-Familie in Amerika (1958), Anastasia, die letzte Zarentochter (1956) oder, die Rettung aller verregneten Feriennachmittage, Winnetou und Old Shatterhand im Tal der Toten (1968). Alle "zusammengeschnitten", wie es Reineckers typische Methode war. "Wenn mir ein Satz gefällt, schneide ich ihn ab und klebe ihn zu den anderen Teilen, die mir gefallen."

Die einzigen Vorwürfe, mit denen Herbert Reinecker kaum Probleme zu haben scheint, betreffen seine NS-Vergangenheit. 1934, nach dem Abitur, wurde er zum Chefredakteur der Landesjugendpflege-Zeitschrift der Hitlerjugend in Münster bestellt. Im Jahr darauf arbeitete er im Presse- und Propagandaamt der Reichsjugendführung in Berlin. "Das war eine wundervolle Anfangszeit, die mit den politischen Dingen nichts zu tun hatte", verklärt Reinecker seine Propagandaaktivitäten. "Ich habe es einfach genossen, mit Leuten meines Alters zusammen zu sein. Man hat geradezu das Berlin der zwanziger Jahre erahnt." Weder vom November-Pogrom, noch von den anderen Gräueltaten habe er etwas mitbekommen, schreibt Reinecker in seiner Autobiografie: "Ich habe keine Synagogen brennen sehen (...), weil ich nicht am Ort des Ereignisses war, und dies war rein zufällig." Seine heutige Einstellung dem Dritten Reich gegenüber mutet ebenso naiv an wie der Versuch, die Menschheit durch TV-Krimis zu bessern. Die NS-Verbrechen seien "im Namen weniger Leute, (...) die man heute verhaltensgestört nennen würde", begangen worden, schrieb er 1990.

Vor zwei Jahren hat Herbert Reinecker aufgehört zu schreiben. Er diktiert jetzt. "In einer Weise, dass mir die Augen übergehen." Jene Augen, die durch eine Netzhautschädigung nicht mehr fokussieren, nicht mehr lesen können, gehen ihm nun beim Denken über. "Das ist der Glücksfall im Unglücksfall", sagt Reinecker. "Die Denkvorgänge werden durch das Diktieren viel intensiver." Fast klingt es, als ob er ungenutzter Zeit hinterhertrauere: "Jetzt beginnt Reinecker, zweiter Teil."

Reinecker, zweiter Teil, ist die Rückkehr zu den Feuilletons. Die belehrende Unterhaltung hat er hinter sich gelassen, nun sucht er nach den großen Zusammenhängen: "Was ist eigentlich meine Geschichte? Das ist das Hauptthema aller Autoren. Der Mensch braucht eine Geschichte." Passend inhaltsschwer klingen Texte wie Titel: Die Majestätisierung des Geschwätzes oder Der Mensch als Übernachtungsstätte durchreisender Überzeugungen oder Wunderland Kritik oder Die Mühsal der Ortsbestimmung . Wer all dies lesen wird, und wo, scheint nebensächlich. Reinecker, fast unter manischem Formulierzwang, ist die Gedanken losgeworden.

Ich kann nichts anderes, sagt Reinecker. Er kann nicht anders, sagt seine Frau.

Ein Drehbuch schreibt er doch noch, im Auftrag von RTL: "Das Bild von Julia, dem vermissten Mädchen, das verbrannt wurde, das sitzt in meinem Kopf und geht nicht mehr weg." Keine fröhlichen Selbstmörder oder Die schlafende Prinzessin soll es heißen und mit einem Ballett enden. "Sie werden es nicht nehmen", prophezeit er. "Weil es zu gut ist."