Berlin

Es hätte ihr Sommer werden können. Aber wieder ist es der Sommer der anderen. Wolfgang Bosbach und Renate Rennebach schlagen Alarm wegen einer kanadischen Sekte, die Adolf Hitler klonen will. Jochen Wolf bereichert die familienpolitische Debatte um operative Akzente. Das Land fragt, wer dem Bundespräsidenten in drei Jahren nachfolgen könnte, und es ist Wolfgang Hoderlein, der die Diskussion mit einem Machtwort beenden darf. Der August lockt die Schattenmenschen, er ist der kalendarische Freund des Stellvertreters, dessen würdigster Repräsentant sich Staatsminister nennt.

Staatsminister. Was für ein Titel. Wie mager sich daneben der Staatssekretär ausnimmt. Und doch ist der Staatsminister ein bloßer Vize, dem Bundesminister oder dem Bundeskanzler "beigegeben", wie es im Gesetz heißt. Warum nutzt er seine Chance nicht? Warum schweigen Deutschlands Staatsminister selbst in der Sommerpause?

Einer von ihnen hat sich Anfang der Woche in Erinnerung gebracht, bringen lassen. Unterlegt von einem schwarzen Balken fragte die Bild-Zeitung: "Schröders schöner Minister zu lange im Urlaub?" Das wird der Kulturstaatsminister nicht gern gelesen haben, auch wenn die Frage nach seinem siebenwöchigen Flitterurlaub nicht notwendigerweise missgünstig verstanden werden muss. Das Nachhaken mag die Sehnsucht einer Kulturnation nach ihrem Repräsentanten spiegeln. Wer, wenn nicht der bayerische Berliner Julian Nida-Rümelin, könnte sich Frank Steffels Bekenntnis zu München als heimlicher Hauptstadt entgegenstemmen, wer, außer dem Kulturstaatsminister, wird Lea Rosh überzeugen, dass es ihrem Werbeplakat für das Holocaust-Mahnmal an kommunikativer Intelligenz mangelt?

"Nie-da-Rümelin" sollen sie ihn im Kanzleramt nennen, was sicher ungerecht ist, weil sich Wert und Leistung eines Staatsministers nicht in Schreibtischstunden messen lassen. Um Nida-Rümelins Kollegen, Staatsminister Schwanitz, war es beispielsweise lange ruhig, genau genommen seit seinem Amtsantritt, bis die Frankfurter Allgemeine dieser Woche enthüllte, dass er heimlich die gesamte Route abgefahren ist, auf der sein Chef, der Bundeskanzler, in den kommenden Wochen durch Ostdeutschland reisen wird. Über den Dritten im Kanzleramt, Staatsminister Bury, lässt sich wenig sagen, außer dass seine Mitarbeiter gemusterte Socken tragen sollen, was darauf hindeutet, dass es in seinem Büro nicht um Äußerlichkeiten geht, sondern um die Sache.

Insgesamt tragen fünf Bundespolitiker den Ehrentitel des Staatsministers. Die verbleibenden zwei arbeiten im Auswärtigen Amt und heißen Volmer und Zöpel, protokollgerecht: Zöpel und Volmer, weil Ersterer so etwas wie der Primus inter Pares ist. "Staatsminister Dr. Zöpel" heißt es in der Geschäftsordnung des Auswärtigen Amtes, "vertritt den Bundesminister bei Abwesenheit in den Sitzungen der Bundesregierung." Das darf Volmer nicht, was allerdings weder ihn noch den Kanzler quälen dürfte. Zwar steht Volmer im Ruf, seine Dossiers, Entwicklungspolitik, Konfliktprävention oder auch Auswärtige Kulturpolitik, recht gut im Griff zu haben, andererseits wird Schröder solche Themen als "Gedöns" qualifizieren. Und was Volmers Geltungsdrang betrifft, so antwortete er einmal auf die Frage nach seinem "Traum vom Glück": "Hinterbänkler.

Nicht alle waren wie diese fünf. Unter den 24 Staatsministern, die dem Land gedient haben, befinden sich klangvolle Namen: Hildegard Hamm-Brücher, Klaus von Dohnanyi, Hans-Jürgen Wischnewski. Letzterer ist gewissermaßen der Vater aller Staatsminister. Als Hans-Dietrich Genscher den Ostexperten 1974 zum Staatssekretär im Auswärtigen Amt machen wollte, willigte der nur unter der Bedingung ein, dass ihm ein anderer Titel verliehen würde. Staatssekretär, das kam dem Bundesminister a. D. zu popelig vor. Daraufhin verabschiedete die sozialliberale Koalition ein neues Gesetz: "Auf Vorschlag des Bundeskanzlers im Einvernehmen mit dem zuständigen Bundesminister kann der Bundespräsident einem Parlamentarischen Staatssekretär für die Dauer seines Amtsverhältnisses oder für die Wahrnehmung einer bestimmten Aufgabe das Recht verleihen, die Bezeichnung ,Staatsminister' zu führen."