Wenn man so will, ist Wisconsin überall. Der Bundesstaat im Norden der Vereinigten Staaten, den Hessens Ministerpräsident Roland Koch zum Vorbild einer möglichen Reform der Sozialhilfe auch in Deutschland erkoren hat, war in den vergangenen Jahren nicht der einzige, der sich einen anderen Umgang mit armen und auf öffentliche Unterstützung angewiesenen Bürgern auf die Fahne schrieb. Auch alle anderen 49 Staaten Amerikas haben ihre Sozialhilfe reformiert - getreu dem Motto, das ihnen 1996 der damalige Präsident Bill Clinton vorgab: Die Abhängigkeit der Bürger vom Staat soll vermindert, der Bezug von Sozialhilfe auf fünf Jahre im Leben beschränkt und an die Pflicht gebunden werden, umgehend einen Job zu suchen. Kurzum, und mit nur wenigen Ausnahmen: Wer nicht arbeitet, bekommt auch nichts.

Auf den ersten Blick ist der Erfolg der Reform phänomenal - in Wisconsin wie auch anderswo. Seit 1996 hat sich die Zahl der Sozialhilfeempfänger in den USA mehr als halbiert. In Wisconsin, das unter seinem ehemaligen Gouverneur und heutigen amerikanischen Sozialminister Tommy Thompson schon früher mit Reformen begann, ist sie seit Anfang der neunziger Jahre sogar um 90 Prozent zurückgegangen. Im April zählte der Bundesstaat 6771 Welfare-Bezieher unter seinen fünf Millionen Einwohnern.

Der Teufel allerdings steckt in den Details - und über die hat Roland Koch bisher nicht geredet. Jeder vierte ehemalige Sozialhilfeempfänger in Wisconsin fand nur vorübergehend Arbeit und kehrte innerhalb von 18 Monaten in die helfenden Arme des Staates zurück. Der Rest behielt zwar seinen Job - aber bei vielen reichen die Gehälter für ein einigermaßen würdiges Einkommen nicht aus. Jeder zweite zählt heute zu den "arbeitenden Armen". Sein Jahresverdienst liegt unter der offiziellen Armutsgrenze. Zwar habe man "den Zyklus der Abhängigkeit" früherer Hilfsempfänger oft durchbrochen, räumt die in Wisconsin für die Sozialhilfereform zuständige Staatssekretärin Jennifer Reinert ein: "Dass sie auf ihren eigenen Beinen stehen, konnten wir aber nicht erreichen."

Das spiegelt sich auch in den Studien über die soziale Lage ehemaliger Sozialhilfebezieher, die erschreckende Ergebnisse zutage fördern: Fast ein Drittel erlebt Zeiten, in denen nicht genug Geld da ist, um für die Familie das Essen auf den Tisch zu stellen. 37 Prozent geraten wiederholt mit Mietzahlungen in Rückstand, 33 Prozent fehlen die Mittel für die Unterbringung von Söhnen oder Töchtern in einer Kindertagesstätte. Die Konsequenz: In Wisconsin - und in anderen Staaten - bleiben die früheren Welfare-Empfänger trotz Arbeitsplatz auf den Staat angewiesen. Zwei von dreien erhielten auch weiter öffentliche Unterstützung, lautete im letzten Sommer das Ergebnis einer Untersuchung des Washingtoner Cato-Instituts.

Wohlgemerkt: Diese Studien stammen aus dem Jahr 2000, aus einer Zeit, in der die amerikanische Wirtschaft florierte. Die Nachfrage nach Arbeitskräften war so stark, dass selbst zuvor als unvermittelbar geltende Sozialhilfeempfänger von den Unternehmen heftig umworben wurden; die Löhne für einfache Arbeiten stiegen. Jetzt steckt Amerika in der Krise, die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Nicht nachgewiesen, aber durchaus vorstellbar ist, was Kritiker der Sozialhilfereform schon von Anfang an befürchtet haben: dass diejenigen, die zuletzt eingestellt wurden und über die wenigsten Fähigkeiten verfügen, auch als Erste wieder entlassen werden.

Ob die von Roland Koch so gelobte Welfare-Reform in Wisconsin und im übrigen Amerika wirklich erfolgreich ist, wird sich damit erst dann erweisen, wenn der erste Wirtschaftsabschwung überstanden ist. Noch darf gehofft werden. Der Andrang vor den Suppenküchen und die Zahl der Obdachlosen allerdings hat schon jetzt wieder zugenommen.

Siehe auch "Argument", Seite 22