Ärzte sind hoffnungslose Fälle. Jedenfalls, was ihre Handschrift betrifft. Die Diagnose "unleserliches Gekritzel" beruht nicht auf Vorurteilen, sondern auf einer Testreihe, die 1998 an einem Krankenhaus in Wales durchgeführt wurde. Doktoren und anderes Klinikpersonal wurden gebeten, Formulare so klar und deutlich wie möglich auszufüllen. Die Schrift wurde dann einem Handschrifterkennungsprogramm vorgelegt - bei der Ärzteklaue streikte der Computer erheblich häufiger als beim übrigen Personal. Das heißt: Selbst wenn Ärzte sich alle Mühe geben, ist ihre Schrift auffällig unleserlich.

Doch auch bei Schönschreibern haben die Schrifterkennungsprogramme, die es heute gibt, noch erhebliche Probleme. Während es für einen Menschen meist keine große Schwierigkeit darstellt, die persönlichen Schnörkel verschiedener Schreiber zu entziffern, beherrschen Maschinen die Kunst der ICR (Intelligent Character Recognition) immer noch nicht wirklich befriedigend.

Aber immer wieder gibt es Meldungen, dass der Durchbruch geschafft sei. Die aktuellste stammt von der israelischen Firma CharacTell, die gerade das Programm SoftWriting auf den Markt gebracht hat. SoftWriting lasse sich auf jede Handschrift trainieren, behauptet die Firma. Alles, was man brauche, seien ein Scanner sowie eine Internet-Verbindung, um das Programm herunterzuladen - und schon könne man handgeschriebene Dokumente in digitalen Text umwandeln, der sich am Computer bearbeiten lässt.

Groteske Ergebnisse bei Newton

Ein solcher Erfolg wäre nicht nur für den Privatnutzer interessant, der handgeschriebene Notizen und Briefe damit einlesen könnte. Ein funktionierendes Schrifterkennungsprogramm würde eine Arbeitserleichterung für Forscher bedeuten, die damit im großen Maßstab alte Manuskripte und Briefwechsel erfassen könnten - Handschriften im Faksimile, wie man sie beispielsweise in neueren Kafka-Editionen findet, sind aus wissenschaftlicher Sicht keine voll befriedigende Lösung, weil sie nicht nach Stichworten durchsucht werden können.

Doch auch die neue Software aus Israel muss kapitulieren, sobald sie mit "gebundener Schrift" konfrontiert wird, also mit ganz normaler Schreibschrift, bei der die einzelnen Buchstaben durch Bögen und Linien miteinander verbunden sind. Das Programm akzeptiert nur Vorlagen, bei denen der Anwender seinen Text säuberlich in Druckbuchstaben geschrieben hat - und das pflegen Dichter nun einmal nicht zu tun. Auch bei heutigen Anwendern ist es fraglich, ob sie bereit sind, auf Kosten der Schreibgeschwindigkeit ihre Schrift auf Druckbuchstaben umzustellen.

Und wie steht es um die Fehlerquote? Die diversen Programme werben mit Erkennungsraten von 85 Prozent und mehr. Das klingt vielversprechend, doch aus Untersuchungen weiß man, dass Anwender erst ab einer Erkennungsrate von mindestens 97 Prozent das Gefühl haben, ihre Zeit nicht zu vergeuden. 85 Prozent - das heißt nämlich je nach Definition: Fast jedes siebte Wort oder jedes siebte Zeichen ist fehlerhaft. Und bevor man diese Fehler alle am Bildschirm korrigiert hat, ist so mancher Text schneller von Hand abgetippt.