Mit Schrecken denkt Eva Straub an die Zeit vor 13 Jahren zurück. Ihr Sohn hatte sich völlig von Freunden abgewandt, war in sich gekehrt und hatte schließlich aufgehört zu sprechen. Sie brachte den damals 24-Jährigen in eine psychiatrische Klinik. Die Ärzte diagnostizierten Schizophrenie. Ein paar Tage bekam der Kranke Medikamente und war danach kaum wiederzuerkennen. "Er kam traumwandlerisch auf mich zu, sein Gang hatte sich völlig verändert, er war ganz steif", sagt die Mutter. Sie hielt die Veränderungen für Symptome der Schizophrenie. Später erfuhr sie die Wahrheit. Die motorischen Störungen waren die Nebenwirkungen des verabreichten Mittels, eines Neuroleptikums.

Die Situation in Deutschland

Neuroleptika sind in Deutschland seit den fünfziger Jahren Standard bei der Behandlung der Schizophrenie, von der in Deutschland 800 000 Menschen betroffen sind. Die Medikamente vertreiben die bedrohlichen Stimmen und Befehle im Kopf der Erkrankten, die quälenden Trugbilder verschwinden. Doch der Preis dafür ist hoch: Zahlreiche Patienten leiden durch die Therapie an Bewegungsstörungen, die der Nervenerkrankung Parkinson ähneln. Sie kommen schlurfenden Schrittes daher, können nicht ruhig sitzen, ihre Mundwinkel zucken unkontrolliert, die Hände zittern. Zeigen sich diese Nebenwirkungen früh, so sind sie mit anderen Medikamenten behandelbar, oder aber die Pillen werden rechtzeitig abgesetzt. Bei jedem zehnten Patienten tauchen die Beschwerden jedoch noch Jahre später auf - dann bleiben sie für immer.

Aber es gibt Alternativen, Wirkstoffe, die überwiegend in den neunziger Jahren entwickelt wurden. Auch sie befreien die Patienten von den quälenden Wahnvorstellungen, beeinträchtigen aber die Bewegungen kaum oder gar nicht.

Daher werden sie "atypische Neuroleptika", kurz Atypika, genannt. Es scheint, als seien für die Betroffenen bessere Zeiten angebrochen. In den USA werden inzwischen 70 Prozent aller Schizophreniepatienten mit Atypika behandelt, in Deutschland nur 30 Prozent. Auch Atypika haben bisweilen beträchtliche Nebenwirkungen, und die neuen Mittel sind im Vergleich zu den herkömmlichen extrem teuer. In den USA konnten die Pharmafirmen mit millionenschweren Werbekampagnen die Produkte erfolgreich vermarkten, in Deutschland (und Europa) bremsen die Krankenkassen, denn die Schizophrenie ist die schwerste und schon jetzt kostenintensivste psychiatrische Erkrankung. Die Kassen zögern auch, weil fast alle Studien, die den überragenden Nutzen der Mittel belegen, von Pharmafirmen gesponsert sind. Verlässliche Urteile, unabhängige Studien über die Wirksamkeit der neuen Atypika fehlen bisher.

Anfang Juli diskutierten auf dem Weltkongress der Biologischen Psychiatrie in Berlin Hirnforscher, Pharmakologen und Klinikärzte das Für und Wider der Atypika. John Kane, Psychiater vom Clinical Research Center for the Study of Schizophrenia in Glen Oaks, kommt zu einem ernüchternden Fazit: "Es ist bislang eine Utopie geblieben, die Psychose mit Medikamenten zu bekämpfen, die keine Nebenwirkungen haben." Kane muss es wissen. Er war derjenige, der den Atypika zum Durchbruch verholfen hat. In den Achtzigern hatte er nachgewiesen, dass das atypische Neuroleptikum Clozapin bei 20 Prozent der Patienten, bei denen die klassischen Medikamente versagten, überragend gut anschlug. Eine Erkenntnis, der viele Rückschläge und Verwicklungen folgten - und viele vorausgingen.

Die Suche nach neuen Wirkstoffen