Als Einar Schleef 16 Jahre alt war, geschah das entscheidende Unglück seines Lebens. Er stürzte aus einem fahrenden Zug und prallte gegen einen Stapel Betonschwellen. Damals sei, so Schleef, in seinem Kopf ein Bruch passiert, der nie heilte. Es war der Bruch zwischen einem Mann und seiner Sprache. Er war ein Stotterer geworden. Sprache verbarrikadiere sich in ihm, sagte Schleef, sie tobe und schlage gegen seine Schläfen. Bisweilen fürchtete er, der Sturm sei draußen zu hören

dann hielt er sich den Mund zu oder biss sich auf die Lippen. In seinem Hirn tanzten die Wörter und brachten den Mann zum Taumeln. Die Katastrophe machte den Künstler. Aus dem Sprachsturm in seinem Inneren speisten sich Erzählungen, Essays, Stücke, Auftritte, Inszenierungen.

Es lag nahe, sich vor ihm zu fürchten. Er stotterte, es sei denn, er schrie oder spielte eine Bühnenrolle. Sprache ergriff und verwandelte ihn. Er liebte es, als einziger Bekleideter ein Ensemble von Nackten zu beherrschen. Aus Darstellern machte er brüllende, paramilitärische Massen, die mit kannibalischer Gier ins Feindesland vorrückten: Sie verschlangen Text und spien Reste aus. Der Mund ein Werkzeug, das Wort ein Krustenwesen, das bei lebendigem Leib geknackt und runtergeschlürft wurde. Schleef, der von der Sprache Getrennte, schien oft wie einer, der sich an der Sprache rächte: Als könne mit der nötigen Vehemenz ein Text zerkaut und vernichtet werden.

Viele Kritiker erlebten Schleefs legendäre Theateraufführungen, Brechts Puntila und Hochhuths Wessis in Weimar am Berliner Ensemble und Jelineks Sportstück an der Wiener Burg sowie die Faust- und Götz-Bemühungen seiner Frankfurter Jahre als Räusche der Gleichschaltung, als Schlachten des Totalitären gegen das Individuum.

Einar Schleef sagte dazu: "Im traditionellen Sprechtheater hat der Schauspieler den Traum vom Individuum zu erfüllen - aber wo gibt's denn heute ein Individuum? Bei mir zu Hause ist kein Individuum - da bin ich, und da ist der Fernseher."

Er war ein Konservativer, und der Individualismus erschien ihm als unsere große Falle. Das Unheil, so Schleef, begann, als das tragische Prinzip in der Kunst seine Kraft verlor: Die Frau wurde "besiegt" und aus dem Zentrum des Dramas verstoßen. Und Shakespeare zerriss den antiken Chor - wie einen Sack, aus dem dann lauter wilde, ungelenke Fetzenwesen in ihre eigenen Dramen davonstoben. Der Gewinn an Individualität, so Schleef, sei teuer bezahlt worden

zwischen den Einzelwesen sei der Zusammenhang verloren gegangen.