Manche Körper sind ausgedehnt, sie sind dabei aber nicht schwer. Will ich jemand beschreiben, den ich auf einem Foto sehe, muß ich irgendeine Art von Urteil fällen über den dargestellten Körper und das Foto. Was tut der Schleef-Körper? Wenn ich das herauskriege, kann ich vielleicht leichter dieses Urteil über ihn fällen, das von mir verlangt wird. Man sagt mir, dieser Körper sei ununterbrochen in Bewegung. Er tanze sehr oft. Also er tanzt. Ich habe ihn in diesem Zustand noch nie gesehen, und ich habe auch noch nicht oft mit diesem Körper gesprochen. Vielleicht ist dann die Ruhe, zu der ihn das Foto gebracht hat, genau der Ort, an dem ich zum Schleef-Körper sprechen kann? Im Moment tanzt er nicht, zumindest nicht hier, aber er rennt auch nicht weg. Seine Ausdehnung ist außerdem irgendwie: fest, obwohl er mir eher weich erscheint. Auch weich. Und fest zugleich. Wenn er tanzen kann, muß er ja irgendwie fest sein, er ist dann für mich: Gegenstand des Neids, weil ich das Tanzen zwar gelernt habe, es aber trotzdem nicht kann. Dieser Körper lädt, obwohl er auf dem Bild verharrt, keineswegs zum Betreten ein. Ich muß selber immer betreten sein (so scheint es mir zumindest), wenn ich zu diesem Körper spreche, der ein Vorbild für mich ist, aber auch das ist doch nur: ein Bild. Ich komme in diesen Körper nicht hinein, aus keiner Richtung, in keine Richtung, doch ich komme an diesem Schleef-Körper auch nicht vorbei, nie. Mit wieviel Sprache er allein seinen Kopf umgibt! Da komme ich nie durch, auch wenn die Sprache so kräftig ist, daß ich innerlich erröte, wenn ich mich nur in die Nähe traue. Wenn der Kopf mittanzt, dann fliegt die Sprache wahrscheinlich um ihn herum wie ein Hornissenschwarm. Der Kopf von Schleef ist für mich Anlaß für viele Sorgen. Wird er mein Stück machen, oder wird er es dann doch nicht machen? Was wird er überhaupt machen? Jedenfalls scheint in seinem Fall nichts zu leugnen zu sein. Nicht daß er da ist, nicht daß er weg ist. Ich scheine ihn anfassen zu können, den Schleef-Körper (der Bindestrich dient dazu, mir die Nähe auszutreiben. Schleefkörper würde ich nicht so leicht hinschreiben können), aber ich kann mich nicht an ihm anhalten, obwohl: Das Gesicht hat im Moment, auf dem Foto, eine Haltung, der Körper ist seine Halterung, und trotzdem fühle ich mich nicht herausgefordert, nicht einmal eingeladen, mich an ihm anzuhalten. Er weist mich ab, will ich ihn an meine Brust drücken. Das ist kein Urteil gegen mich.

Dieses Urteil ist dennoch wahr. Man muß erst mit einem Kissen aus Worten gegen diesen Körper schlagen, daß er sich meiner erbarmt. Er kann sich nicht wehren. Er kann sich sehr gut wehren. Das muß man jetzt aber wirklich respektieren. Beides. So wie sich der Körper auch gegen einen Rausch nicht wehren kann, wenn man ihm etwas Geistiges hineinschüttet. Etwas, das ihm genau das gibt, was er nicht gebrauchen kann. Das gibt auch mir etwas.

Elfriede Jelineks Text, der unmittelbar vor Schleefs Tod entstand, wird in einem Fotoband von Karin Rocholl im Ullstein Verlag erscheinen