Vor nicht allzu langer Zeit schien IBM-Chef Louis Gerstner kaum noch zukunftsfähig - ein Ewiggestriger in der Vorwärtsbranche. Mitte 1999, auf dem Höhepunkt der Internet-Manie, machte er sich über die Jungunternehmen der New Economy lustig: "Glühwürmchen vor dem Sturm" seien das. Von den Start-ups würden vielleicht nur ein oder zwei jemals Gewinne schreiben.

Jetzt, nachdem die Internet-Blase geplatzt ist, gilt Gerstner als Prophet.

Und Big Blue, so IBMs Spitzname, steht gut da. Während andere Firmen reihenweise Umsatz- und Gewinneinbrüche melden, scheint dem Unternehmen die tiefe Krise in der New Economy und in der etablierten Computerindustrie bisher nicht viel anhaben zu können.

Mitte Juli jedenfalls wartete es erneut mit vergleichsweise guten Quartalszahlen auf. Obwohl der Umsatz von April bis Juni, gemessen am Vorjahr, leicht um ein Prozent auf 21,6 Milliarden Dollar gefallen war, stieg der Gewinn um mehr als fünf Prozent, auf über zwei Milliarden Dollar.

Doch Erfolg in der High-Tech-Branche, das hat gerade des jüngste Auf und Ab gezeigt, ist äußerst vergänglich. Und auch IBM steht vor schwierigen Herausforderungen. Wenn die Computerindustrie nicht bald wieder kräftig durchatmet, wird auch der Koloss aus Armonk im US-Bundesstaat New York Negativschlagzeilen machen

gewarnt hat die Firma bereits. Wichtiger noch: Samuel Palmisano, der Gerstner wahrscheinlich Anfang des nächsten Jahres ablösen wird, muss die Antwort auf eine Frage finden, die unter den Analysten und Aktienkäufern an der Wall Street derzeit oft gestellt wird: Wo soll das Wachstum in den nächsten Jahren herkommen?

Große Probleme - aber klein im Vergleich zu jenen, die Gerstner vorfand, als er im April 1993 das Steuer übernahm. Damals liefen die Kunden zur Konkurrenz über. 1990 hatte das Unternehmen sechs Milliarden Dollar Gewinn gemacht, 1992 war daraus ein Verlust von acht Milliarden geworden. "Das Unternehmen stand kurz vor dem Zusammenbruch", erzählte der IBM-Chef kürzlich selbst.