Der Mauerbau vor 40 Jahren war die erste, der Mauerfall 1989 die finale Kapitulation des Kommunismus - in beiden Fällen haben die Deutschen mächtig Glück gehabt. Denn Imperien sterben nicht im friedlichen Schlaf, sondern auf dem Schlachtfeld. Die maroden Reiche der Kaiser und Zaren haben im August 1914 ihre Rettung im Krieg gesucht und sind in ihm umgekommen, mit mörderischen Folgen, die noch heute quälen - wie im Dauerkrieg auf dem Balkan.

Deutschland hat Glück gehabt, weil es unweigerlich die Hauptarena für den neuerlichen Weltenkampf gewesen wäre. Hier vereinten sich die drei existenziellen Konflikte des späten 20. Jahrhunderts: der globale der atomaren Supermächte, der europäische der Bündnisse, der nationale zwischen Ost- und Westdeutschen. Ein falscher Schritt wie im Sommer 1914, und Deutschland wäre nicht mehr gewesen. Doch verschied die Sowjetunion mit einem knappen Seufzer. Ein banales Ende, aber ein Segen für die vorbestimmten Opfer der Imperiendämmerung.

Deshalb ist es falsch, wenn PDS-Größen nun behaupten, die Berliner Mauer habe "1961 den Frieden in Europa und der Welt erhalten". Umgekehrt wird's richtig: Der "antifaschistische Schutzwall" konnte nur gebaut werden, weil der nukleare Frieden ultrastabil war. Im Vergleich zu früheren Kriegsanlässen (etwa dem abgeschnittenen Ohr eines Matrosen namens Jenkins, der 1739 den Waffengang England-Spanien auslöste) war die Mauer eine ungeheuerliche Provokation. Doch die eisernen Gesetze der bipolaren Welt, die kaltes Blut und penible Vorsicht erzwangen, waren stärker. Keiner hat sie plastischer formuliert als John F. Kennedy im Jahr des Mauerbaus: Atomwaffen hätten "alle Antworten und alle Fragen verändert"

wenn die erst hochgingen, wäre es "das Ende, 150 Millionen Tote in den ersten 18 Stunden". Deshalb hat Kremlchef Chruschtschow seinem DDR-Statthalter Ulbricht den Gang nur bis zur Mauer erlaubt, "aber keinen Millimeter weiter".

Trotzdem war das Monstrum kein Sieg für die Sowjetunion und ihre Satrapen, es dokumentierte im Gegenteil die "steingewordene Blamage" der DDR und des gesamten Sowjetsystems, wie der Münchner Historiker Christian Meier zum Jahrestag 1991 notierte. "Was ist das für ein Sozialismus", fragte melancholisch der DDR-Schriftsteller Stefan Heym, "der sich einmauern muss, damit ihm sein Volk nicht davonläuft?" Die letztgültige Antwort gab 10 680 Tage später der Mauerfall am 9. November 1989. Dieser markierte nicht bloß den Kollaps der DDR- und Sowjetmacht, sondern das Ende des totalitären Zeitalters überhaupt, das genau 200 Jahre zuvor mit der Französischen Revolution begonnen hatte.

Was wollten denn Jakobiner, Leninisten, Nationalsozialisten und Maoisten? Sie wollten den Menschen zerstören, um ihn neu zu erschaffen - im eigenen Antlitz, im Namen eines unmenschlichen Religionsersatzes, der zwar die irdische Erlösung verhieß, aber nur um den Preis der gnadenlosen Unterwerfung. Es hat nicht funktioniert, weil der Mensch zwar laut Kant ein "krummes", aber sehr zähes Gewächs ist

das ist die tiefere, die historische Botschaft des 9. November 1989, die im fröhlichen Lärm der Sektkorken und Schunkelgesänge unterging. In diesem Sinne war der Mauerbruch ein Glückstag nicht nur für die Deutschen, sondern auch für die Europäer und all jene Menschen, die hernach eine Diktatur nach der anderen abschütteln konnten.