Ich möchte am liebsten weg sein und bliebe am liebsten hier

Wolf Biermann

Bei Stefan Heym, im Advent 1999. Seit Stunden Gespräch über das Heymsche Grenzgängerleben. Draußen war längst Nacht, da sprach der verehrte Greis einen schockierenden Satz: Wenn Sie eine Mauer bauen, müssen Sie auch schießen. - Aber lieber Herr Heym ... - Sonst kann ja jeder eine Leiter anstellen und drüberklettern, fuhr Heym in Ruhe fort. Das möchten Sie natürlich, und auch meine große Freude war im Herbst 1989, dass nun jeder reisen durfte. - Dann redeten wir über zweierlei Geschichte, die von oben und die von unten, und dass Diktatoren andere Interessen haben als jene, denen ihre Herrschaft widerfährt.

Dies ist Geschichte von oben, passiert am Sonntag, dem 13. August 1961: Um 1.11 Uhr unterbricht der (Ost-)Berliner Rundfunk seine Melodien zur Nacht für eine Sondermeldung: "Die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten wenden sich an die Volkskammer und an die Regierung der DDR mit dem Vorschlag, an der Westberliner Grenze eine solche Ordnung einzuführen, durch die der Wühltätigkeit gegen die Länder des sozialistischen Lagers zuverlässig der Weg verlegt und rings um das ganze Gebiet West-Berlins eine verlässliche Bewachung gewährleistet wird."

Um 1.05 Uhr verriegeln DDR-Grenzverbände und Kampftruppen das Brandenburger Tor. Um 1.54 Uhr wird der erste Ost-West-S-Bahn-Zug gestoppt. An den Sektorengrenzen reißt Volkspolizei das Straßenpflaster auf und installiert Stacheldraht. Als die Berliner erwachen, ist ihre Stadt geteilt und endgültig auch Deutschland.

Die Geschichte der Teilung begann, falls nicht am 30. Januar 1933, mit der westzonalen Währungsreform vom 18. Juni 1948. Von Stund an war der Osten Billigmarkt. Am 26. Mai 1952 schloss die DDR ihre Demarkationslinie zur Bundesrepublik. Eine monströse Grenze entstand, 1381 Kilometer lang, davor ein Fünf-Kilometer-Sperrgebiet, das nur mit Passierschein betreten werden durfte. Einzige Ost-West-Verbindung blieb Berlin. Durch dieses Schlupfloch verließen die DDR zwei Millionen Menschen, die Hälfte unter 25 Jahre alt, die gut Ausgebildeten vorneweg. Ganze Abiturklassen verschwanden. In Scharen gingen, teils abgeworben, Ärzte und Wissenschaftler. Repression und Lebensstandard schlossen als Fluchtgrund einander nicht aus. Die DDR lief leer. Das bedrohte Ulbrichts Hauptaufgabe: die SED-Republik wirtschaftlich auf Westniveau zu hieven.

Über alledem schwebte die Supermacht-Konfrontation. Das Wiener Treffen zwischen Chruschtschow und Kennedy Anfang Juni 1961 erhöhte die Kriegsgefahr.