Lieber Egon Bahr,

auf Deinen Artikel im Tagesspiegel vom 31. Juli 2001 muss ich Dir schreiben, weil er mich sehr geärgert hat, möglicherweise an Stellen, bei denen Du das gar nicht erwartest.

1. Dass ein guter Kommunist ein guter Sozialdemokrat werden kann, ist unbestritten. Ich wünschte mir viele Übertritte von sozialdemokratisch gesinnten PDS-Mitgliedern in die SPD und habe mich in einem spektakulären Fall auch sehr dafür engagiert. Der Streit aber geht nicht um Personen, sondern um eine Partei. Ob die PDS eine sozialdemokratische Partei werden kann oder fast schon ist, das ist die Frage. Für die SPD wäre es nur wünschenswert, wenn sich die PDS nach einer Wandlung mit der SPD vereinigte.

Das wird sie aber so lange nicht tun, wie sie im Aufwind ist. Das Ziel, "unser Blut", wie Du einmal gesagt hast, zurückzubekommen, kann nur erreicht werden, wenn die PDS in eine Krise gerät, sich spaltet und dann den sozialdemokratischen Flügel freisetzt. Ich habe allerdings von Befürwortern einer SPD-PDS-Kooperation das Argument gehört, eine zweite sozialdemokratische Partei neben der SPD sei nichts Besorgniserregendes und in anderen europäischen Ländern ganz normal. Ich hielte das für eine enorme Schwächung der Regierungsfähigkeit der SPD.

Solange die PDS im Aufwind ist, sortiert sie sich nicht und wird, um etwas Besonderes, von der SPD Unterschiedenes zu bleiben, auch sektiererische Positionen pflegen, schon um ihr Milieu zu bedienen.

2. Du weist darauf hin, dass François Mitterrand die französischen Kommunisten durch Regierungsbeteiligung kleingekriegt hat. Wenn das auch im Blick auf die PDS eine erfolgversprechende Strategie sein sollte, bin ich nicht dagegen. Allerdings war die französische KPF nie eine regierende Staatspartei. Deshalb fehlen dort die Opfer der kommunistischen Herrschaft im Lande, es gibt nur die Opfer der innerparteilichen Säuberungen. Das macht für die Akzeptanz der KPF in Frankreich einen erheblichen Unterschied aus. Es gibt dort den Typ des edelkommunistischen Intellektuellen, der in seiner Außenseiterrolle respektiert wird. Die PDS dagegen ist die ehemals herrschende Klasse (deren Mitglieder übrigens, was das Finanzielle angeht, zumeist weich gefallen sind), und in der Außenseiterrolle waren zu DDR-Zeiten ihre Gegner.

Ob die Strategie "Kleinkriegen durch Mitregieren" bei der PDS aufgeht, ist noch offen. Da müssen wir die nächsten Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern abwarten. Das Magdeburger Duldungsmodell hat die PDS jedenfalls nicht spürbar geschwächt. Ich glaube nicht, dass die PDS durch Mitregieren entzaubert werden kann. Fest steht aber bereits, dass die Aussichten auf eine Regierungsbeteiligung in Berlin und vor allem Gysis Kandidatur der PDS bundesweit Auftrieb gegeben haben. Gregor Gysi hatte bereits vor der Aufgabe resigniert, die PDS zu einer "modernen linken" und gesamtdeutschen Partei zu machen. Dank der neuesten Entwicklung kann er, wenigstens für Westberlin, neue Hoffnung schöpfen. Die Westausdehnung der PDS liegt aber sicher nicht im Interesse der SPD. Wenn sie der PDS gelingt, wird ihr berechenbarer altersbedingter Mitgliederrückgang im Osten kompensiert und ihr Leben erheblich verlängert.