Berlin

Die Gauck-Behörde mochten viele zuletzt schon halb vergessen haben, die Birthler-Behörde dagegen erregt wieder Aufsehen. Die neue Verwalterin der Stasi-Unterlagen, seit Herbst vorigen Jahres im Amt, streitet mit Helmut Kohl, Innenminister Schily und dem Berliner Verwaltungsgericht um die Herausgabe von Prominenten-Akten. Bisher konnten Journalisten und Wissenschaftler das DDR-Geheimdienstmaterial zu "Personen der Zeitgeschichte" ziemlich ungehindert studieren und publizieren, sofern es nicht Persönlich(st)es betraf. Diese ein Jahrzehnt lang geübte Auskunftspraxis steht jetzt infrage.

Neben den möglichen Folgen für die Aufklärung der Vergangenheit ist die Sache auch für die Behörde nicht ungefährlich, für ihre moralische Autorität und ihr rechtsstaatliches Ansehen

an Gegnern, denen die ganze Geschichtsoffenlegung nicht passte, hat es dem Unternehmen Gauck von Anfang an nicht gefehlt. Allerdings haben dem Bundesbeauftragten die großen Konflikte, mit Manfred Stolpe oder Gregor Gysi, immer auch Aufmerksamkeit und Solidarität verschafft. Sie waren der beste Beweis für den Daseinszweck und die politische Relevanz des Amtes. Nun machen sich Kohl und Schily in diesem dialektischen Sinne unfreiwillig nützlich. Zugleich helfen sie Marianne Birthler, mit einer ersten eigenen Bewährungsprobe aus dem überlangen Schatten ihres Vorgängers hervorzutreten.

Wie es der symbolische Zufall will, geschieht das alles in einem Augenblick, da sich die PDS anschickt, ins Zentrum der deutschen Politik vorzustoßen. Die Frage nach der Bedeutung der DDR-Vergangenheit für die Gegenwart der Bundesrepublik stellt sich neu, vielleicht stellt sie sich auch zum letzten Mal. Welche Rolle die Stasi-Akten bei alledem immer noch spielen, zeigt sich an den presserechtlichen Argusaugen, mit denen Gregor Gysi in diesen Tagen die Darstellungen seiner früheren Kontakte mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verfolgt. Insoweit ähnelt die zweite deutsche Vergangenheitsbewältigung in diesem Jahrhundert schon der ersten, nach dem Nationalsozialismus: Nichts hält die Erinnerung so gründlich wach oder weckt sie so zuverlässig wieder auf wie der Versuch, endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Der DDR-Forscher Manfred Wilke, hartgesottener Antikommunist und einer der schärfsten Kritiker der PDS, kann dem spektakulären Aufstieg von Gysi und seiner Partei daher mit halbem Ernst sogar eine gute Seite abgewinnen: Ist nicht seither ständig vom 17. Juni 1953 die Rede, vom Mauerbau und eben auch wieder von den Stasi-Akten?

Das Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG), um dessen Interpretation oder auch Novellierung sich die Kohl-Schily-Birthler-Diskussion dreht, ist Ende 1991 verabschiedet worden, in Fortschreibung einer Regelung durch die frei gewählte letzte Volkskammer der DDR, deren revolutionärbürgerbewegter Geist bundesdeutschen Beamten und Politikern schwer einging. Im Januar 1992 begann die Akteneinsicht für die MfS-Opfer. Es waren diese frühen Tage, die das Bild der Gauck-Behörde geprägt haben: Biermann und Jürgen Fuchs und Robert Havemanns Witwe Katja mit meterweise Ordnern im "Lesesaal" in der Berliner Behrenstraße

der schockhafte Blick der Schikanierten in die Kellergeschosse und Hinterbühnen des eigenen Lebens, wenn etwa Vera Wollenberger von ihrem Mann Knud (IM Donald) bespitzelt worden war oder der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich von seinem Bruder. Augenblicke der Befreiung, aber, besonders vor Beginn des rechtlich geordneten Aufarbeitungsregimes, auch eine Atmosphäre der Gerüchte, des Misstrauens, des Verdachts, bis hin zu Zügen von Paranoia und Hysterie.