Es fing damit an, dass das Telefon klingelte und eine aufgeregte Stimme rief: "Schaltet sofort die Nachrichten ein!" Wahrscheinlich wurde niemals vordem und niemals nachher wieder derart häufig telefoniert wie an diesem Morgen des 13. August 1961. Ließen sich Emotionen in Temperaturen umsetzen, hätten in jenen Stunden die Drähte schmelzen müssen. Am Anfang war der Stacheldraht, am Ende der "antifaschistische Schutzwall", ein anachronistisches Bauwerk, eher dem Mittelalter zuzurechnen als dem 20.

Jahrhundert. Und weil die Mauer so unzeitgemäß gewesen ist, konnte sie in einer globalen Dorfgemeinschaft auch nicht von Dauer sein. "Sie wird noch hundert Jahre Bestand haben ..." - Honeckers späte Behauptung: nichts als leeres Gefasel eines Flachkopfs.

Aber von diesem 13. August an bestimmte das Bauwerk unser Schicksal. Durfte vorher jedermann seines Unglücks Schmied sein, so war ihm diese Mühe nun abgenommen. Die Mauer zog sich durch das Seelenleben aller, die sich ab dem Datum in eine gesellschaftliche Nische zurückzogen, um zu "überwintern". Wem der Mauer Anblick entgangen ist, kann sich ihre Auswirkung kaum vorstellen.

Und Fotografien geben bloß den äußerlichen Eindruck wieder. Alsbald wird niemand mehr wissen, dass sie auf gewisse Weise ihre Analogie in einem bekannten Märchen besaß, nämlich in Dornröschen, weil wie in diesem ein seltsamer Zustand die Eingeschlossenen befiel. Wie die Prinzessin sank auch das Gesinde in eine Art Schlaf

die Zeit blieb ganz einfach stehen. Draußen nahmen die Weltläufte ihren sich beschleunigenden Fortgang, im "Schloss" jedoch döste man mehr oder minder ungemütlich vor sich hin. Was in weiter Ferne von ein paar Kilometern geschah, nahm man ausschließlich durch mediale, ergo irreale Vermittlung wahr und sehnte sich nach Teilhabe an der falschen Munterkeit einer ausufernden Industriezivilisation.

Erpresste Langsamkeit

Merkwürdigerweise beneideten viele Außenstehende oftmals die Eingesperrten um ihren verlangsamten Daseinsrhythmus, um den reduzierten Pulsschlag des individuellen wie des öffentlichen Lebens. Ja, ja - bei uns ging es gemächlich zu, und irgendwann einmal waren die zehn Jahre, welche man auf ein Pappmobil, zärtlich Trabi geheißen, warten musste, auch vorüber. Unsere Brüder und Schwestern aus dem nahen Westen gerieten ins Schwärmen, sobald sie durch unsere verfallenen Dörfer kurvten, über holprige Alleen, durch die verkommenen Gassen der Kleinstädte. Hier fanden sie wieder, was sie offenkundig vermissten: den Mief der kleinen, engen Welt. Ein Gestern, bewahrt durch den allmächtigen Herrscher namens Mangel. Klarer gesagt: Die Westler, verstört durch das rapide zunehmende Tempo innerhalb ihres eigenen Umfeldes, glaubten hinter der Mauer die anheimelnde Vergangenheit wiederzufinden, aus der sie verstoßen worden waren.