Birmingham ist keine Musikhauptstadt, schon gar keine selbst ernannte. In Birmingham gibt es neben den fast Pleite gegangenen Rover-Werken ganz einfach nur einen sehr schönen Konzertsaal und ein sehr gutes Orchester, dessen Abonnenten sich vor einigen Jahren einmal darüber beschwerten, dass ihnen nicht etwa zu wenig, sondern zu viel Beethoven serviert werde. Außerdem besitzt dieses Orchester ein offenbar kluges, mutiges und leicht überdurchschnittlich fantasiebegabtes Management. Das kauft einen Chefdirigenten nicht erst dann ein, wenn er richtig berühmt, eher fortgeschrittenen Alters, ein bisschen langweilig, dafür aber fast unbezahlbar ist. Solche Personalpolitik überlässt Birmingham den Musikhauptstädten der Welt zwischen New York und München.

Stattdessen wagte man es vor drei Jahren erneut, wie schon 1980 mit Simon Rattle, einen völlig Unbekannnten zu engagieren. Und wieder scheint die Rechnung aufzugehen, vielleicht gerade weil der damals 33-jährige Finne Sakari Oramo keinen berühmten Namen mitbrachte, sondern nur seine Qualifikation, sein Temperament, seine Musikalität und den unbedingten Wunsch, mit einem guten Orchester gute Musik zu machen. Der hoch gelobten Grieg-Einspielung vom vergangenen Jahr fügt Oramo jetzt ein überragendes Plädoyer für Jean Sibelius hinzu. Dem wurde neben anderen, wenig freundlichen Etiketten - René Leibowitz hielt ihn für den "schlechtesten Komponisten der Welt" - gerne das gleichfalls problematische vom nordischen Spätromantiker angeklebt. Doch bei Oramo klingt bereits die vermeintlich optimistisch unkomplizierte zweite Sinfonie eher nach bewusstem Abschied von der Spätromantik, ja vom sinfonischen Idealismus überhaupt. Im langsamen Satz erzählt er allenfalls von romantischen Schatten- und Nachtseiten, obwohl er klanglich nicht im mythischen Nebel wühlt, sondern ganz auf Trennschärfe, Klarheit und Transparenz setzt.

Die Koppelung mit der vierten Sinfonie wirkt dadurch nur zwingender. Oramo führt die Klischees von der Natur- und Nationalromantik vor, taucht die bei Sibelius gern herbeigeredete Weite der finnischen Landschaft und auch die tausend Seen, die selbst Adorno glaubte hören zu müssen, in ein milchiges, unwirkliches Licht. Dergestalt erinnert diese Musik atmosphärisch an eine karge, abweisende Mondlandschaft. Analytisch gehört, weist sie konsequent Richtung Moderne und wird zum illusionslos die Tonalität aushöhlenden Spiel mit dem alles bestimmenden Intervall des Tritonus' (Erato 8573-85776). Oswald Beaujean