Der Streit um die Familienpolitik spitzt sich zu. Kinder seien ein Armutsrisiko, und die Kinderlosen würden von den Leistungen der Eltern ungerechtfertigt profitieren, klagen die einen. Andere verweisen auf die hohe Abgabenlast von Kinderlosen und die daraus finanzierten Leistungen für Familien, die diese zusätzlich zu ihren Kinderfreuden erhalten.

Dieser Streit zielt in die falsche Richtung. Geht es hier tatsächlich um mehr oder weniger "Umverteilung", die sich letztlich in 30 Mark zusätzlichem Kindergeld manifestiert? Unbestreitbar ist, dass bereits heute erhebliche öffentliche Mittel für Familienförderung und die Ausbildung von Kindern aufgewendet werden. Unbestreitbar ist ebenso, dass es vor allem Familien sind, die sich am unteren Ende der Wohlfahrtsverteilung befinden. Daher stellt sich die Frage, ob die vielen umverteilten Milliarden das richtige Ziel erreichen.

Junge Eltern, die wegen ihres geringen Einkommens sich selbst und ihren Kindern vieles versagen müssen, haben häufig in späteren Lebensphasen ein durchaus ansehnliches Einkommen, das sie gern für ihre Kinder verwenden würden - wenn ein solcher Vorgriff möglich wäre. Mütter würden gern das Einkommen verdienen, um den Lebensstandard, den sie ihren Kindern bieten möchten, zu finanzieren - wenn sie es könnten. Kinder aus einkommensschwachen Elternhäusern, die sich aufgrund mangelnder Konsummöglichkeiten viele Schmähungen gefallen lassen müssen, würden wohl gern später ein geringeres Einkommen in Kauf nehmen - wenn sie eine solche Wahl hätten.

Private Kreditmärkte schaffen hier keinen Ausgleich. Dies bedeutet aber keineswegs, dass die Folgen diejenigen tragen sollten, die bei ihrer Geburt mit der "Wahl" von einkommens- und vermögensschwachen Eltern Pech gehabt haben. Staatliche regulierende Eingriffe sind dort sinnvoll, wo sie nicht oder nur schlecht funktionierenden Märkten zur Funktionsfähigkeit verhelfen.

Nun ist es keineswegs so, dass wir solche Maßnahmen nicht schon hätten. Das öffentlich finanzierte Bildungssystem, das Kinder- und Erziehungsgeld gehören dazu. Diese Transfers erfüllen eigentlich eine kreditäre Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum, indem Menschen unabhängig von ihrer momentanen Vermögensausstattung ein Einkommen gewährt wird, das sie quasi mit späteren Steuerzahlungen zurückerstatten, die dann anderen Gleiches ermöglichen. Durch die Ausgestaltung als zweifacher Transfer ist dieser Zusammenhang von Leistung und Gegenleistung jedoch weder transparent noch verpflichtend und verursacht Ausweichreaktionen und Verteilungskonflikte. Daher gilt es, die Leistungsbeziehungen zwischen und innerhalb der Generationen neu auszubalancieren.

Dabei sind folgende Aspekte klar auseinander zu halten: Zunächst einmal entscheiden sich Eltern nicht aus gesellschaftspolitischen Gründen für Kinder, sondern um ihrer selbst, der Freude an den Kindern willen. Und sie sind daher auch bereit, entsprechende Kosten auf sich zu nehmen. Allerdings ist zu fragen, ob diese Kosten nicht übermäßig hoch sind, weil Eltern mit Problemen am Arbeitsmarkt und bei der Kinderbetreuung konfrontiert sind, die ihnen eine ihren Präferenzen entsprechende Lebensgestaltung verwehren.

Zweitens sind es vor allem die Kinder, denen die Leistungen und Aufwendungen ihrer Eltern zugute kommen. Die Leistungen der Eltern kommen faktisch Investitionen gleich, die auch mit entsprechenden "Renditeerwartungen", das heißt Erwartungen an Unterstützung im Alter, verbunden sind. Unser soziales Sicherungssystem jedoch - und dies ist der Punkt, den das Verfassungsgericht anmahnt - verpflichtet die nächste Generation, aus den Erträgen dieser Humanvermögensinvestitionen nicht die jeweiligen Investoren, das heißt einerseits die Eltern und andererseits die öffentliche Hand, anteilsmäßig zu befriedigen, sondern die jeweils gerade Versicherten, unabhängig davon, wie stark diese zur Humanvermögensbildung beigetragen haben. Damit werden diejenigen, die keine Kinder erziehen, zu den Begünstigten des Systems und diejenigen, die wegen Kindererziehung kürzere Versicherungszeiten und geringere Beiträge aufweisen, zu Benachteiligten.