Da geht Aristide Briand mit dem Fotografen Erich Salomon auf einem Staatsempfang um, als wäre dieser auch ein Politiker. Da nehmen deutsche Soldaten den polnischen Schlagbaum ein, als handle es sich um nötige Reparaturarbeiten und nicht den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Da spielt Präsident Kennedy im Weißen Haus in Washington mit seinem kleinen Sohn John John.

Was dem Schicksal als Altpapier entgangen ist, veredelt eine Ausstellung zu wertvollen Exponaten und Dokumenten der Zeitgeschichte: die Sammlung des Fotoreporters Robert Lebeck mit Illustrierten und Magazinen aus 130 Jahren Bildjournalismus, die jetzt im Kölner Agfa Foto-Historama des Museums Ludwig zu sehen ist. Beginnend 1839 und endend 1973 konstatiert die Ausstellung auch den Tod ihres Sujets. Vorbei sind die großen Zeiten des heldenhaften Fotojournalismus, der einem die Ereignisse der Welt in schlagenden Bildern ins Haus lieferte. Heute herrscht, wie selbstverständlich, das Fernsehen mit seinen bewegten und möglicherweise noch bewegenderen Bildern.

Viele der hier zusammengetragenen Aufnahmen - 220 Originalzeitschriften sind zu sehen - haben nicht nur Zeitgeschichte dokumentiert, sondern diese auch geschrieben. Gerade die Aufnahmen von Erich Salomon, von Haus aus promovierter Jurist und später dann Begleiter der großen Staatsmänner auf ihren Reisen und Empfängen, halten in besonderer Weise die Emanzipation des Mediums fest, die den Fotografen zum distinguierten Komplizen der Mächtigen machte.

Robert Lebeck, als Ex-Quick, Stern- und Geo-Fotograf Meister seines Fachs und somit kollegialer Voyeur, hat nach 50-jähriger Profession und in über 10-jähriger Obsession eifrig zusammengetragen, was die Looks und Lifes, die Vus und Quicks alles an Bilderbergen für die sinneshungrige Welt produziert haben. In ihrer Vielfalt dokumentieren sie eines: Die Ereignisse ihrer Zeit wirken am Ende stärker durch die Bilder, die sie erzeugen, als durch die Worte, die sie beschreiben.

Dabei glänzt die Ausstellung nicht durch Hochglanz, sondern durch Patina. Und durch Sorgfalt. Trotz der Fülle macht sie chronologisch nachvollziehbar, wie die Karriere des Lichtbildes im journalistischen Gebrauch verlief. Von der bescheidenen Textillustration über die gut dosierte Bildinformation bis hin zur reißerischen Aufmacherattraktion: Den entscheidenden Karrieresprung ermöglichte erst die gedruckte Vervielfältigung. 1902 erschien mit Leslie's Weekly der erste ganzseitige Fototitel. Tausende anderer folgten. Ob Gesichter als Landschaften, Tennisstars als Schattenspieler oder New York als Lichter- undFarben-Meer, ob Picasso als Traumtänzer oder Hitler als braver Biedermann - von nun an wurden mit Bildern pointierte Geschichten erzählt.

Und nebenbei Politik gemacht.

Ganz nah dran - das war oft genug die Devise im Bemühen um die größtmögliche Authentizität. "Wenn deine Bilder nicht gut sind, bist du nicht nah genug dran gewesen." Das sagte einer, der es wissen und später leider auch hautnah erleben musste: Robert Capa. In Vietnam trat der Heros der Kriegsberichterstattung, der "Hemingway der Fotografie", auf eine Landmine und starb. Capa ging es nur um eines: das richtige Bild im richtigen Moment.