Selbst Politiker machen Urlaub

und das könnte auch gut so sein, wenn sie nur währenddessen den Bürger mit beunruhigenden Nachrichten verschonen würden. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr ist von Gerhard Schröder bekannt geworden, dass er in den Ferien Fritz Sterns Buch über Bismarck und den Bankier Bleichröder gelesen hat, die mit Gewinn Informationen gegen Geld tauschten. Offenbar beschäftigen den Kanzler die Verfilzungen von Politik und Wirtschaft derart, dass er die historischen Vorläufe studieren möchte

ob zu seiner Anregung (die SPD braucht gewiss Geld) oder damit er endlich Helmut Kohl auf die Schliche kommt, sei dahingestellt. Viel alarmierender ist etwas anderes: Seine Frau Doris Köpf hat derweil Krimis gelesen, und das ist nun wirklich nicht gut so. Denn damit stellt sie die Geschlechterverhältnisse auf den Kopf.

Seit Anbeginn der Leserforschung unterscheiden sich die Geschlechter darin, dass von den Männern, insbesondere solchen in Führungspositionen, die Schmöker gelesen werden, während Frauen das Bildungsgut pflegen. Die Männer sind vom Führen erschöpft und wollen nicht auch noch in der Freizeit herausgefordert werden

die Frauen dagegen, chronisch unterfordert, stürzen sich gierig ins Metaphysische. Das ist die natürliche Ordnung der Dinge. Bei den Schröders aber sieht es jetzt so aus, als sei Gerhard das Weibchen! Und Doris, erschöpft vom Führen, sucht die Entspannung. Oder ist am Ende für Schröder die Kanzlerschaft gar nicht so anstrengend, sondern eher der Hausarbeit vergleichbar, die dringend nach intellektuellem Ausgleich verlangt? Wie man es dreht und wendet: Das eheliche Lektüreverhalten wirft Fragen auf. Versucht das Paar vielleicht, der Nation einen Rollentausch vorzuführen, um die Emanzipation voranzubringen?

Unser Schröder-Bild sah anders aus. Dieser Machtmensch ein Softie? Gott sei Dank ist der Kanzler an den Kabinettstisch zurückgekehrt. Nichts, was er dort anrichtet, kann so verstörend sein wie seine Urlaubstätigkeiten. Übrigens hat schon Helmut Kohl 1993 durch eine Sommerlektüre Furcht und Schrecken ausgelöst: Die Macht der Dummheit von André Glucksmann. Sollte Kohl, so fragte man damals bang, zu den üblichen Tricks nun auch noch die Dummheit als Machtmittel einsetzen wollen? Und in der Tat. Die Spendenaffäre brachte es ans Licht: Kohl hat auf deutlich weniger intelligente Geldgeber gesetzt als Bismarck. Vielleicht, um ein Wort zur Güte zu wagen, hat Schröder seine befremdliche Sommerlektüre keineswegs zur Entspannung betrieben, sondern aus Eifersucht: um endlich herauszufinden, worin sich Kohl, den doch so vieles mit Bismarck verbindet (die Rachsucht und die deutsche Einheit zum Beispiel), am Ende doch vom Eisernen Kanzler unterscheidet. Die Geldgeber waren's.

Hoffentlich hat Schröder nun nicht mit der Suche nach seinem Bleichröder begonnen.