Fromm ragt der Turm des Künstlerhauses Bethanien empor, dessen "Internationale Regieseminare für Film und Theater" gerade gestrichen wurden.

Da kommt die Gauklertruppe des brandenburgischen Ton- und Kirschen Wandertheaters gerade zur rechten Zeit. Ihre Faust-Version auf dem Berliner Mariannenplatz gibt es zum Spartarif von Spielfreude und Fantasie: ein Stuhl mit ein paar Gitterstäben drum herum - fertig ist die Studierstube! Auf einer Holzleiter erklimmt Faust den Olymp der Astronomie, zwei Holzböcke druntergestellt und ein Tuch drübergelegt - vor uns steht die Tafel der Papstresidenz! Mit Masken, Marionetten, Musik entsteht ein Bilderreigen zwischen Pathos und Klamauk, Kasperletheater und Mysterienspiel (vom 9. bis 12. und 15. bis 19. August). Auf den Holzbänken vor der kleinen Bühne drängen sich auch die Großeltern einer Schauspielerin, am Drahtzaun hängen türkische Jungs mit Baseballmützen. Doktor Faustus ist hier kein gipfelstürmender Renaissancemensch, sondern eine zwischen Himmel und Hölle zerrissene Jammergestalt. Seine Weltenreise nach dem Teufelspakt ist ein einziger Horrortrip: "Verschafft mir ein Weib", brüllt er, doch vor ihm schlängelt sich nur eine Teufelsbraut mit Wildschweinhauern. Der Papst wickelt sich die Spaghetti um den Kopf statt aufs Besteck, Helena ist nur eine kalte Puppe im Seidengewänderkokon. Im Abenddunkel nehmen die im Kreis aufgestellten Wohnwagen der Truppe die Farbe der Bäume an. Der Mond, ein blank geputzter Taler, erscheint. Der Großmutter fallen sanft die Augen zu. Und Faust, den armen Tor, zieht's nur noch heim in sein Provinznest Wittenberg. Bei des Doktors abschließender Höllenfahrt klappert Luzifer in einem Leiterwagen, Hexenmasken wachsen aus dem Boden, schleppen Faust ins hoch auflodernde Höllenfeuer. Nebelschwaden. Vorhang. Applaus. Jetzt, sagt die Großmutter, kann ich endlich meine neugeborene Urenkelin sehen. Barbara Lehmann