Liebe Mama, hofentlich geffällt Dir das Buch", schreibt Juliane in ihrem Brief. Hoffentlich mit einem f, gefällt mit zweien. Normalerweise ärgern sich Eltern über Rechtschreibfehler ihrer Kinder. Sieglinde Paul freut sich: "Ich find das toll, jetzt ist Juliane erst kurz weg und schon mit der Schrift durcheinander." Das "Buch", das ihre Tochter geschickt hat, ist ein DIN-A5-Heft, von der ersten bis zur letzten Seite voll geschrieben und bemalt. Eine Europakarte, ein Kleeblatt, Briefe an die Freunde - "hüpsche Grüße" an die Katzen Max, Moritz und Ulla. Grüße von der C'te d'Azur nach Aulendorf im Schwäbischen. Anfang April.

Juliane ist neun und für ein halbes Jahr Austauschschülerin in Frankreich.

Sieglinde Paul hat ihre Tochter Anfang März bei der Familie Vérennes in Saint-Raphaël abgegeben. Ein Wiedersehen gibt es erst im September. Bis dahin beschränkt sich der Kontakt auf maximal einen Brief und ein Telefonat die Woche - Juliane soll sich nicht ständig an zu Hause erinnern. Die Entwöhnung ist Programm, damit sie sich schneller einlebt. En famille Deutschland empfiehlt die Kontaktarmut, der Verein, der den Austausch für Grundschüler mit Frankreich und England organisiert. Und es wirkt: Wenn Juliane mit ihrer Mutter telefoniert, sagt sie bereits ständig "oui" statt "ja".

Dass Kinder bereits im Grundschulalter anfangen sollen, eine Fremdsprache zu lernen, darin ist sich das Gros der Pädagogen, Forscher und Politiker inzwischen einig. Die Kinder sind motiviert, haben kaum Sprechangst und entwickeln eine gute Aussprache - das zeigen Untersuchungen und die pädagogische Praxis. Der frühe Fremdsprachenunterricht macht heute schon in Kindergärten Schule. Dass eine Sprache am schnellsten lernt, wer ganz in sie eintaucht, in ihr lebt, denkt, träumt - das glaubt man auch ohne Studien.

Aber mit neun für ein halbes Jahr allein nach Frankreich?

Die Idee, bereits Grundschüler Auslandserfahrungen sammeln zu lassen, stammt von einem Lehrer aus Frankreich, der 1978 den ersten Austausch organisiert und En famille international gegründet hat. Mittlerweile gibt es Nachahmer.

Hierzulande ist En famille Deutschland der Ansprechpartner. En famille hat in seiner Geschichte über 800 Kinder vermittelt. Nur wenige haben vorzeitig abgebrochen, etliche bestanden das Abenteuer gleich zweimal. Der deutsche Verein macht kaum Werbung. Das Programm lebt vom Weitersagen.