Das mit Abstand sicherste Auto der Welt kommt aus Japan. Und es ist keine gepanzerte Limousine mit 25 Airbags, sondern ein ganz normaler Kleinwagen.

Eindeutig hat der neue Honda Civic in den unabhängigen Crashtests des "European New Car Assessment Program" (E-NCAP) alle Konkurrenten weit hinter sich gelassen und als einziges Auto drei von vier möglichen Sicherheits-Sternen erzielt. Der vierte Stern wurde sogar nur ganz knapp verfehlt.

Allerdings werden diese beeindruckenden Testergebnisse wenig Auswirkung auf das Verhalten von Autokäufern haben. Das weltweit sicherste Auto ist der neue Honda Civic nämlich nicht für seine Insassen, sondern für Fußgänger. Und die werden nicht gefragt, mit welchem Fahrzeug sie am liebsten in einen Unfall verwickelt werden möchten. "Wir arbeiten daran, das Thema in die Köpfe der Verbraucher zu kriegen", sagt Honda-Sprecher Jan Erren.

200 000 Fußgänger werden jedes Jahr in den Ländern der Europäischen Union beim Zusammenprall mit einem Auto verletzt, 9000 sterben, rund 1000 davon in Deutschland. Die Mehrzahl der Opfer sind Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren. Seit Jahrzehnten sind diese statistischen Informationen bekannt - und blieben doch weitgehend unbeachtet. "Für die Leute im Fahrzeug wurden die Autos immer sicherer, für Fußgänger wurde nichts getan", sagt Burkhard Reinartz, Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), und spricht in diesem Zusammenhang von "fahrlässigster Vernachlässigung".

Sicherheitsgurte, Knautschzonen und Airbags bieten für Autoinsassen inzwischen deutlich besseren Schutz vor Tod und schwerer Verletzung bei einem Unfall. Investitionen in diese Technik lohnten sich für die Automobilindustrie, denn gute Ergebnisse bei Crashtests wirken sich sofort positiv auf die Verkaufszahlen aus. Bei der Außenhaut der Fahrzeuge wurde entsprechend viel Aufwand für modisches Design getrieben - ohne Rücksicht auf die schwächsten Verkehrsteilnehmer. Besonders offensichtlich wurde dies, als in den Städten immer mehr Geländewagen mit völlig überflüssigen Stahlbügeln vor der Stoßstange auftauchten. Für Kinder können die so genannten Kuhfänger schon bei einem Zusammenprall mit nur 20 km/h tödlich enden, da ihr Kopf dabei direkt gegen das Stahl der Potenzramme knallt.

Erst die Drohung der EU-Kommission mit einer gesetzlichen Verankerung des Fußgängerschutzes und der Vorsprung der japanischen Konkurrenz hat auch die europäische Autoindustrie auf Trab gebracht. Um ein hartes Gesetz zu verhindern, hat sie eine Selbstverpflichtung vorgelegt, die im Juli von der EU-Kommission als vorläufig ausreichend akzeptiert wurde. Eine endgültige Entscheidung darüber soll bis Ende des Jahres fallen. Wichtigster Bestandteil der Selbstverpflichtung ist der grundsätzliche Verzicht auf die berüchtigten Kuhfänger sowohl beim Neubau als auch im Zubehörhandel ab 2002. In zwei Phasen sollen außerdem bis 2005 zunächst alle neuen und ab 2012 dann auch alle schon existierenden Modelle nach den Kriterien einer unabhängigen Kommission auf einen deutlich verbesserten Fußgängerschutz getrimmt werden.

Dass das auch schon heute möglich wäre, beweist der neue Civic. Er ist das Ergebnis eines Forschungsprogramms, das Honda in Zusammenarbeit mit dem japanischen Verkehrsministerium schon 1998 begonnen hat. Voraussetzung dafür war zunächst die Entwicklung eines Fußgänger-Dummys in Erwachsenen- und in Kindergröße. So konnten die Autokonstrukteure erstmals verstehen, wie ein Unfall zwischen Pkw und Fußgänger genau abläuft. Außerdem sammelte Honda mit der detaillierten Analyse von Verkehrsunfällen und mit computergestützten Simulationsprogrammen weitere Grundlagendaten.