Aus dem Cockpit der Maschine, die um 17.10 Uhr Richtung New York abhebt, suchen die Piloten den Stau auf der Autobahn A 3 Frankfurt-Köln. Am Feierabendverkehr, der sich auf sechs Spuren dahinwälzt, orientieren sich die Flugzeuge, die vom Rhein-Main-Flughafen in Richtung Nordatlantik starten.

Für Werner Schuster beginnt so ein Nordatlantikflug mit einem dumpfen Grollen aus der Ferne, das ihn vom Freisitz im Garten vertreibt - trotz strahlender Sonne. Dann erklimmt der 64-Jährige schwitzend die steile Holztreppe, die zum Dachboden führt, und wirft seinen Computer an, um zu prüfen, ob das damit verbundene Lärmmessgerät die Schallwellen der Boeing 747 auffängt, die wenige hundert Meter entfernt vorüberbrüllt. Jeder Flug, der über zehn Sekunden lang lauter als 77 Dezibel ist, wird aufgezeichnet. Das entspricht etwa dem Geräusch eines Lastwagens, der auf der Landstraße direkt vor Schusters Häuschen vorbeidonnert. Nur dass der Überflug länger dauert.

An der Wand des Dachbodens lehnen Fotos, die an den Tag erinnern, an dem sich die Bürgerinitiative für Umweltschutz im Hattersheimer Stadtteil Eddersheim das Lärmmessgerät zugelegt hat. Ein stolzer Tag muss das gewesen sein. Lange hatte man Spenden sammeln müssen, um sich das Gerät eines dänischen Spezialherstellers leisten zu können. Einmal pro Woche werden die lautesten Flüge im Lokalblatt veröffentlicht. Die Messwerte sind die Munition der Bürgerinitiative im Kampf gegen die Frankfurter Flughafenbetreiber. Mit den Daten ziehen sie gegen eine neue Landebahn zu Felde, die noch mehr Flugzeuge bringen soll. Oder gegen die Nachtflüge der Post, die die Republik mit Briefen und Päckchen versorgen.

"Lärm ist Körperverletzung." Das sagt Schuster oft. Im Stockwerk unter seinem Dachboden, gewissermaßen dem Hauptquartier des Eddersheimer Widerstands gegen den Lärm, dröhnt der Fernseher durch die offene Tür aus einem Raum, in dem niemand sitzt. Im ganzen Haus ist die spätnachmittägliche Talkshow zu hören, derweil Schuster sich ereifert: "Wer muss denn schon für ein Wochenende nach Mallorca fliegen?" Auch das sagt Schuster oft. Und erzählt dann, auch er habe sich schon mit seiner Frau im Flugzeug aufgemacht, um dort zu sein, "wo man gewesen sein muss": Mallorca, Teneriffa, Griechenland.

Millionen Menschen, die über Verkehrslärm klagen und trotzdem täglich Auto fahren, machen es nicht anders. Wer Lärm bekämpft, behält keine weiße Weste.

Denn Lärm entsteht, sobald man sich bewegt.

Der Lärmpegel in deutschen Städten hat sich in den 15 Jahren von 1976 bis 1991 verdoppelt, und neusten Untersuchungen zufolge setzt sich diese Entwicklung fort. Zwei Drittel der Deutschen fühlen sich von Straßenlärm, knapp die Hälfte durch Fluglärm und ein Viertel durch Schienenlärm erheblich belästigt. Jeder vierte männliche Deutsche im Alter von 14 bis 25 Jahren hat einen Gehörschaden. 20 Prozent der Bevölkerung geben an, nachts regelmäßig schlecht zu schlafen, weil es zu laut sei. 3 Prozent aller Herzinfarkte in Deutschland sind auch auf Straßenverkehrslärm zurückzuführen. 16 Prozent aller Deutschen leben konstant mit einem Lärmpegel, bei dem ein erhöhtes Herzinfarktrisiko festgestellt wurde.