Naturgesetze haben etwas Niederschmetterndes: Immer wenn man hinschaut, treten sie ein. Ausnahmen von der Regel kommen so wenig in Betracht, dass Fachleute sie mittlerweile ausschließen. Dagegen hat Peter Licht etwas. Es wäre ja denkbar, dass die Dinge hinter aller Rücken ganz anders drauf sind.

Dass Wasser flussaufwärts fließt und der Stein nach oben fällt. Gewiss, die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr groß, aber muss man den Fall deswegen ausschließen? Sklaven der Empirie! Vielleicht gilt es, den Möglichkeitssinn zu bewahren und sich im rechten Augenblick umzudrehen. Oder selbst ein wenig nachzuhelfen.

Peter Licht ist so ein Möglichmacher, ein Animateur des Daseins. Im Video zu seinem Lied Sonnendeck hilft er der schnöden Objektivität auf die Sprünge und schickt einen Bürostuhl auf Reisen. Der Stuhl tastet sich zaghaft mit den Rollen voran über den Bordstein, wird erst allmählich kecker, um am Ende mit rotierendem Gestell in den Abendhimmel zu entschweben. Eine Himmelfahrt? Eine Apotheose? Dem Künstler gefällt es, "dass Dinge sich in Bewegung setzen.

Einfach so."

Die Welt des Peter Licht: ein Trickfilm, zu dem Trickmusik spielt, melodiös und leicht. "Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf'm Sonnendeck", singt er in seinem Sommerhit, einer Schönwetterwolke von Song, wie gemacht für schwitzende Journalisten, gedrückte Angestellte und andere Büropflanzen. Es geht um den Auszug aus dem selbst verschuldeten Alltag, um Sekunden, die zu Computerklängen "ins blaue Meer fliegen". Licht selbst allerdings ist nirgends außerhalb seiner Lieder zu finden, man muss ihn sich als eine Art Thomas Pynchon der Popkultur vorstellen, der, obwohl bislang nur Eingeweihten ein Begriff, jede Form der Öffentlichkeit flieht.

Vor Jahr und Tag noch nannte er sich Meinrad Jungblut und brachte die Mini-CD 6 Lieder auf einem kleinen Berliner Label heraus. Die neue CD nennt sich 14 Lieder und erscheint dieser Tage bei einem Münchner Multi. So weit die Fakten, der Rest ist Spekulation. Licht, vormals Jungblut, soll "dem Schoß der großartigen Kölner Elektro-Pop-Schule" entstammen, in Wien bereits ein mittlerer Star sein, orakelt das Pressepromoblatt. Manche wollen ihn in lauen Nächten auf einem weißen Schimmel gesichtet haben, aber fotografisch gebannt wurde er nie. Immerhin kann man mit ihm telefonieren. Wer über die Firma einen Termin anmeldet, wird, mit etwas Glück, zurückgerufen.

Licht in der Leitung zu haben ist ein Ereignis. Ohne zu zögern, spielt er einen Song vor, den er unlängst auf seiner Sitar komponiert hat, einen Morgen-Raga mit dem Bandwurmtitel Wir sind jung und machen uns Sorgen um unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Wenn ihm danach ist, spricht er mit der Stimme des Stuhls, was sich in etwa anhört, als würde ein Märchenonkel aus dem Kontrollraum der Enterprise sprechen. Überhaupt hat das Interview viel von einem Hörspiel. Im Hintergrund sind Gitarren, Kontrabass, allerhand Streichinstrumente zu erahnen, die Abfall-Keyboards, mit denen er arbeitet, des Weiteren "so krumpeliges Zeug": Triangel, Glockenspiele, Rassel.