Wenn man erklären soll, was Sprachpolitik ist, behilft man sich am besten mit einem medizinischen Vergleich: Sprachpolitik ist eine Art vorbeugender Wundbehandlung, an Stellen, die wehtun oder demnächst wehtun könnten. Die Schweiz, die mit vier Muttersprachen jonglieren muss, hält sich weitgehend schmerzfrei, während Belgien schwer an der Unverträglichkeit zwischen dem Französischen und dem Flämischen laboriert. In Mazedonien gehört der Sprachenkompromiss im Augenblick zu den Sofortmaßnahmen, die das Schlimmste verhindern.

Deswegen behauptet das mit der Sprachpflege draußen vor der Tür beauftragte Goethe-Institut zu Recht, Spracharbeit sei auch ein Bestandteil der kulturellen Außendarstellung Deutschlands. Wo Sprachen aufeinander prallen und aus Neigung oder Eigeninteresse erlernt werden, betrifft das nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen. Sich auf eine fremde Kultur einzulassen, ist eine neuralgische und sehr intime Angelegenheit.

Vor zehn Jahren beglückte Helmut Kohl die Reformstaaten des ehemaligen Ostblocks massiv mit deutscher Spracharbeit und wies dem Goethe-Institut viele Millionen für Sprachkurse und Fortbildung ausländischer Deutschlehrer an. Dieser Traum von der Wiederauferstehung des Deutschen als Lingua franca des Ostens löste Irritationen aus. Mittlerweile zeigt sich, dass Missionarismus - wie sehr man ihn auch rhetorisch verbrämt - in die Irre führt. Der Erfolg des Englischen hat jede allzu ambitionierte Spracharbeit anderer europäischer Nationen gebremst. Nicht von einzelnen Kulturen oder nationalen Volkswirtschaften geht Sogwirkung aus, sondern von der globalen Marktwirtschaft. Und weil Englisch mit Nationen wenig zu tun hat, sondern eine Art frei schwebender Universalsprache geworden ist, müssen Sprachvermittler ihre Angebote viel stärker als Chance zum Erwerb sozialer Kompetenz in einer anderen Lebenswelt markieren, also Spracharbeit tatsächlich als Kulturarbeit anbieten.

Das könnte sogar Anreiz und Wettbewerbsvorteil sein. Denn ansonsten ist Europa gar nicht so schrecklich vielsprachig: 49 Prozent aller Europäer sprechen keine Fremdsprache, 48 immerhin eine. 60 Prozent der britischen Jugendlichen über 16 Jahre lernen überhaupt keine zweite Sprache mehr. Das Deutsche, obgleich die am weitesten verbreitete Sprache auf dem Kontinent, vermickert in den europäischen Gremien. In Straßburg und Brüssel versuchten sich die Franzosen bislang noch in lingualem Expansionismus, aber auch sie haben inzwischen vor dem Englischen kapituliert. Die Lehre daraus: Sprachförderung in Europa ist nur im Miteinander sinnvoll - und wenn alle davon profitieren.

Der Europarat und die EU haben das Jahr 2001 zum "Europäischen Jahr der Sprachen" gekürt. Das ist tatsächlich mehr als Gelegenheit zu Fensterreden in Sachen Vielsprachigkeit. In Grundzügen zeigt sich eine europäische Sprachpolitik, und die Vertreter der nationalen und föderalen Bildungssysteme zetern nicht, sondern hören aufmerksam zu. "Mehrsprachigkeit" heißt das neue Konzept. Der Europäer muss gar nicht mehr eine oder zwei Fremdsprachen perfekt beherrschen können (und sich damit kulturell verengen). Jeder soll in vielen Sprachen parlieren, und sei's holprig.

Diese Polyzentrik wird Folgen für Didaktiken und Lehrpläne haben. Als sich in der vergangenen Woche mehr als 1600 Deutschlehrer aus aller Welt in Luzern zum Kongress des Internationalen Deutschlehrerverbandes trafen, war vom Deutschen kaum noch als bedrohter Spezies die Rede, viel mehr von Deutsch als Fremdsprache im Rahmen einer Spracharbeit, die mit den Kulturinstituten anderer Länder koordiniert ist. Mehr als 40 Millionen Mark erhielt das Goethe-Institut im vergangenen Jahr für die Sprachförderung vom Auswärtigen Amt. Ein Großteil davon spielt es durch Einnahmen an Sprachkursen wieder ein.

Für eine gesamteuropäische Spracharbeit scheint es gut gerüstet zu sein.