Viel gemeinsam haben der Autohersteller VW und der Elektronikmulti Philips nicht, sieht man vom Geschäft mit Autoradios ab. In Sachen Gewerkschaftspolitik schlugen beide Unternehmen jetzt in dieselbe Kerbe: Ihnen passten die Regeln des Flächentarifvertrags nicht. Sie wollten ihn ihren Bedürfnissen anpassen.

Philips trieb die IG Metall im Norden vor sich her. Entweder die Gewerkschaft lenke ein bei Arbeitszeiten und Überstunden, so hieß es, oder die Philips-Tochter, die Mikrochips in Hamburg und Böblingen herstellen soll, wechsle den Tarifpartner. Es lockten die flexibleren Bedingungen der IG Bergbau, Chemie, Energie. Nun gaben die Metaller nach: Um die Tarifflucht von Philips zu verhindern, akzeptierten sie Wochenarbeitszeiten von bis zu 40 Stunden in einem speziell auf das Halbleiterunternehmen zugeschnittenen Vertrag. Mit dem Attribut "innovativ" dürfen sich die Metaller zwar bei Philips schmücken, nicht aber bei VW. Um ein neues Minivan-Modell in Deutschland zu bauen, wollten Vorstand und Betriebsrat einige tausend Arbeitslose zu Bedingungen einstellen, die den geltenden Haustarifvertrag unterlaufen würden. Dieser Alleingang scheiterte, weil die Chefs der IG Metall in Frankfurt am Main Widerstand leisteten. Vorerst jedenfalls: Die Wolfsburger warten auf eine Neuauflage der "5000 mal 5000"-Verhandlungen im September.

Übertriebene Häme bei VW und einseitiges Lob bei Philips - die Beispiele zeigen, dass sich die Gewerkschaften und allen voran die IG Metall schon vor Beginn der großen Tarifrunde 2002 in der Defensive befinden. Die zum Ritual gewordenen Aufrufe der Arbeitgeber, angesichts der lahmenden Konjunktur im nächsten Jahr Maß zu halten, sind nur Begleitmusik. Im Kern streiten sich Arbeitgeber und Gewerkschaften darüber, wie die wichtigsten Instrumente gewerkschaftlicher Interessenvertretung den Anforderungen eines flexiblen Arbeitsmarktes entsprechen können. Anders ausgedrückt: Welche Zukunft ist dem Flächentarifvertrag und dem Lohnkartell beschieden?

Weil die Tarifverträge, oft flächendeckend, Mindeststandards festsetzen, die abweichende Vereinbarungen zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat verhindern, scheiden sich an ihnen die Geister. Nach Ansicht der Arbeitgeber sind Übereinkünfte im Betrieb vielfach notwendig, um Stellenabbau zu verhindern oder Innovationen zu ermöglichen. Bislang ist das nur an den Stellen erlaubt, wo der Tarifvertrag Öffnungsklauseln enthält. Ansonsten darf es nur Abweichungen geben, die den Arbeitnehmer besser stellen - oder denen die Gewerkschaft zustimmt.

Gewerkschaft oder Chaos

Nicht nur Wolfgang Franz, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, hält das für verfehlt: "Unternehmensleitung und Betriebsrat am Ort wissen oft besser, was gut ist für Konzern und Arbeitnehmer." Der Tarifvertrag als Jobkiller - zu diesem Vorwurf ist es da nicht mehr weit. Franz: "Die IG Metall opfert auf dem Altar des Flächentarif-Vertrages die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Sie ist ein Beschäftigungshindernis."

Befriedungsfunktion, Herstellung gleicher Lebensverhältnisse und gleicher Arbeitsbedingungen - aus Sicht der Gewerkschaften gibt es genügend Gründe, am Tarifvertrag festzuhalten. Sonst drohten Zustände wie im England der siebziger Jahre, als Minigewerkschaften in kleinsten Sparten große Teile der Wirtschaft niederstreiken konnten. Damit räumte Expremier Margaret Thatcher dann auf. Das jüngste Beispiel für die Gefahr ergab sich ironischerweise in Deutschland: der Streik der Lufthansa-Piloten.