Es ist ein schweres Los, heute im Kulturbetrieb noch subversiv sein zu wollen. Wir leben in liberalen Zeiten, da wird selbst die ausgetüfteltste Provokation lustvoll stöhnend in den Mainstream eingesaugt. Man muss sich schon was einfallen lassen, um noch ein "Unerhört!" zu ernten. Unermüdlich sind dabei die Macher des Zeitfluss-Festivals, das seit 1993 alle zwei Jahre parallel zu den Salzburger Festspielen veranstaltet wird, in deren üppigem Fleisch es der avantgardistische Stachel sein soll. Doch am Ende der Ära Mortier gehört das Unerhörte längst zum guten Ton im Festspielhaus

man zahlt 600 Mark für eine Figaro-Karte, um sich entzückt schaudernd die Rezitative auf der Bierflasche vorblasen zu lassen. Damit ihre Widerspenstigkeit nicht öde Routine wird, haben die Zeitflößer ihrem Programm 2001 eine Kampfansage des Malers Jean Dubuffet vorangestellt: "Wo die Kultur ihre pompösen Podien aufschlägt, da sollte man schleunigst das Feld räumen: die Aussichten, dort auf Kunst zu treffen, sind minimal. Und sollte sie jemals dort gewesen sein, hat sie sich eiligst in ein besseres Klima verzogen. Sie kann nämlich die Luft der kollektiven Zustimmung nicht vertragen. Selbstverständlich ist Kunst ihrem Wesen nach verwerflich! Und asozial, subersiv, gefährlich! Und wenn sie das nicht ist, dann ist sie weiter nichts als Falschgeld, leere Hülle, Kartoffelsack ..."

Fakire am Ententeich

Gut gebrüllt, Löwe. Soll wohl heißen: Der Hofstallgasse, wo Dirndldamen Limousinentüren aufreißen, damit sonnenbankgegerbte Ehrengäste und Rückendekolletés jeder Verfallsstufe unfallfrei zu ihrem Kunstgenuss kommen, dem ganzen Festspielpomp also sind die Musen entflohen. Und das bessere Klima, vielleicht herrscht es ja nur ein paar hundert Meter Salzach-aufwärts, im Volksgarten, wo Zeitfluss heuer buchstäblich seine Zelte aufgeschlagen hat, eines für die Konzerte, eines für ein Landart-Restaurant. Nach Jahren an verschiedenen Orten soll das Festival hier eine Art Heimat finden, eine provisorische freilich, denn die Programmverantwortlichen Tomas Zierhofer-Kin und Markus Hinterhäuser nehmen ihr eigenes Motto ernst: Bloß beweglich bleiben, damit einem die Kunst, das flüchtige Ding, nicht abhanden kommt. Das Nomadische ist ihr Prinzip, sie streunen durch entlegene Weltgegenden auf der Suche nach unerhörter Musik, das Cover des Programmhefts zeigt einen dieser schreibunten pakistanischen Überlandbusse, vom Monsunregen schon fast überflutet, und man weiß nicht recht, ob er gerade ankommt, abfährt oder untergeht.

In Pakistan haben die Kunstnomaden auch die Musiker für das vielleicht außergewöhnlichste, in jedem Fall längste Konzert des diesjährigen Festivals gefunden: fünf Fakire vom Schrein des Shah Abdul Latif. Latif ist einer der bedeutendsten Dichter des Sufismus, einer Art mystischen Ausprägung des Islam. Schon zu Lebzeiten wurde er wie ein Heiliger verehrt, und als er 1752 starb, beschlossen seine Jünger, ihm zu Ehren fortan jeden Tag von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang seine Lieder zu singen. Und so spielen seit fast 250 Jahren sieben Fakirgruppen (für jeden Tag der Woche eine) im prachtvollen Mausoleum des Dichters in der Stadt Bhit Shah. Eine davon hat es nun an einen Salzburger Ententeich ins Zirkuszelt verschlagen.

Hier hocken sie, in lila-blaues Licht getaucht, auf einem flachen Podest, und versuchen sich zu sammeln im Angesicht eines rumorenden Publikums, das sich von der importierten Spiritualität wohl etwas erhofft, das all die anderen Salzburger Konzerte dieser Tage nicht liefern können, weder Mozart noch Cage noch Nono: etwas absolut Authentisches, nicht Entfremdetes, allein begreifbar mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand. Isomatten, Woll- und Meditationsdecken gehören für viele Besucher zum Handgepäck, man lagert vor den Wesen aus einer anderen Welt und wartet darauf, dass ihr Spiel für Momente die Seele gesund machen möge

schließlich wird dem Spiel der Fakire auch in Pakistan heilende Wirkung zugeschrieben.