Mit 17 hatte sich Christoph von der Malsburg eine Theorie von der Arbeitsweise des Gehirns ausgedacht, die seine Freunde nicht ganz zu Unrecht als "Lämpchen-Theorie" verspotteten. Später nahmen die Kollegen viele seiner reiferen Ideen nicht wesentlich ernster, obwohl von der Malsburg am neurophysiologischen Institut in Göttingen promoviert und dort ebenso wie an der Universität von Südkalifornien als Gehirnforscher gearbeitet hat. Vor 20 Jahren formulierte der jetzt 59-Jährige schließlich eine Theorie, die heute als "Bindungsproblem" etliche Hirnforscher in Aufregung versetzt - aber erntete auch dafür erst einmal Kritik. Wie sich seiner Meinung nach das Sehen verstehen ließe, interessierte auch niemanden. "Die haben mich alle ausgelacht."

Er wollte seine Theorien beweisen, indem er Computern das Sehen beizubringen versuchte. Seine Chance kam, als die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen Anfang der neunziger Jahre Forschungsmittel der EU zu verteilen hatte. Von der Malsburg lehrte inzwischen in Bochum. Zusammen mit seinem Professorenkollegen Werner von Seelen ging er ans Werk.

Die ZN Vision Technologies AG entstand, und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Er trägt den Namen ZN Face. Mit Videokamera und Computer erkennt das System Gesichter und entscheidet, ob ihre Besitzer eine Sperre passieren dürfen. ZN Face ist heute das weltweit bestverkaufte Zugangssystem, das auf Gesichtserkennung beruht. Ursprünglich für Kernkraftwerke entwickelt, kontrolliert es die Mienen von europäischen Microsoft-Mitarbeitern ebenso wie die von holländischen Fitnessstudio-Kunden. ZN Face trug seinen Erfindern 1996 sogar den Innovationspreis der deutschen Wirtschaft ein.

Eine Erweiterung des Systems hilft der Polizei in mehreren deutschen Bundesländern und soll demnächst in ganz Polen eingesetzt werden. ZN Phantomas vergleicht das Phantombild oder den von einer Überwachungskamera aufgenommenen Schnappschuss eines gesuchten Kriminellen mit zigtausend Fotos der Verbrecherkartei und spuckt in Sekundenschnelle die Verdächtigen mit der größten Ähnlichkeit aus.

Seit diesem Jahr kann die ZN-Technik ahnungslose Passanten identifizieren.

Das Smart Eye genannte System späht auf Flughäfen nach Verdächtigen oder hält in Casinos nach Berufszockern Ausschau, die mehr gewinnen könnten, als der Spielbank lieb ist. Big Brother lässt grüßen, weshalb von der Malsburg auch für Datenschutz eintritt. Selbst der ist für ihn ein technisches Problem. Das Zugangssystem könnte beispielsweise angewiesen werden: "Du sollst eine Tür aufmachen und nicht jedem Auskunft darüber geben, ob das der Herr Meyer war, der da durchging."

Für Diskussionen dürfte auch das nächste Projekt sorgen. Das System wird etwa in der Wartehalle eines Flughafens erkennen, ob es beispielsweise einen Urlauber oder einen Geschäftsmann vor sich hat. Auf einer elektronischen Reklametafel könnte dann passende Werbung erscheinen, wovon sich von der Malsburg "einen Riesenaufmerksamkeitseffekt" erhofft: "He, Sie mein ich, ja, Sie mit dem Blumenkohl im Arm."