Meike Jäger wirkt nicht gerade wie eine Frau auf verlorenem Posten. Die Sonnenbrille trägt sie lässig im Haar, der Nietzsche-Spruch vom Chaos, das in sich tragen müsse, wer einen tanzenden Stern gebären wolle, ist an den Computer geheftet. In einer Ecke ihres Büros nahe des Hamburger Hauptbahnhofes stapeln sich Plakate, die "Mitbestimmung statt McKinsey" fordern. Ein Vortrag jagt den anderen, ein Projekt das nächste. Meike Jäger soll dafür sorgen, dass die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di für Mitarbeiter in der New Economy kein Fremdwort bleibt. Sie betreut die Projekte "Connexx" für neue Medien und "Tim" für die Informationstechnologie.

Die Namen sind chic, die Inhalte neu: Mit Einzelberatungen, die von Betriebsratsgründungen bis zum Gesundheitsschutz am Computer reichen, will ver.di Mitarbeitern Neuer-Medien- und IT-Firmen Angebote machen.

Wie die IG Metall versucht auch ver.di in der New Economy Fuß zu fassen.

Bislang haben die beiden größten Einzelgewerkschaften Deutschlands (5,7 der 7,7 Millionen deutschen Gewerkschaftsmitglieder sind in ihnen organisiert) hier nur ein mageres Ergebnis vorzuweisen: Der Organisationsgrad, also der Prozentsatz der Mitarbeiter in der Branche, die Gewerkschaftsmitglieder sind, ist "kaum sichtbar", wie Meike Jäger sagt. Doch in Zeiten wirtschaftlicher Flaute verirren sich auch Menschen, die sich kürzlich noch als Dotcom-Millionäre wähnten, in Gewerkschaftsbüros.

Auf die Frage, wie sie auf die ungeahnte Chance reagieren sollen, nach zehnjährigem Minustrend neue Mitglieder zu gewinnen, haben die Gewerkschaften noch keine passende Antwort. Vier "Connexx"-Leute betreuen für ver.di ganz Deutschland. So viele Hauptamtliche hat die IG Metall oftmals in einem einzigen Betrieb. Gleichzeitig streiten sich die Arbeitnehmerorganisationen, wer für welches Start-up zuständig ist, und stecken viel Energie in Klientelpolitik für ihre alternden Mitglieder. Die Möglichkeit, den Einstieg in die New Economy zu schaffen, droht ungenutzt zu verstreichen.

Frank Bsirske sieht das vielleicht auch so, darf das aber nicht sagen. Auf den Schultern des ver.di-Chefs ruhen die Hoffnungen derer, die auf ein Comeback der Gewerkschaften warten - und das, obwohl der ehemals grüne Personalreferent der Stadt Hannover auf dem ver.di-Gründungskongress im vergangenen November eher als Verlegenheitskandidat zum Gewerkschaftsboss gewählt wurde. Als Hoffnungsträger ist Bsirske zuständig für Aussagen, die positiv klingen. Daher muss er sagen, selbst wenn er es anders sehen sollte: "Wir müssen aus der Differenz Solidarität aufbauen.

Klar, denn die Mitgliedschaft bei ver.di reicht vom Müllmann bis zum Softwaredesigner, vom Universitätsprofessor bis zum Schalterbediensteten der Post. Etwas genauer würde man aber schon gern wissen, wie Bsirske sein Ziel erreichen will, bis zum Gewerkschaftskongress 2003 den negativen Mitgliedertrend zu stoppen. Seit der Wiedervereinigung, die freilich auch den Zusammenschluss mit den DDR-Gewerkschaften brachte, haben die DGB-Gewerkschaften ein Drittel ihrer Mitglieder verloren. Wie also will ausgerechnet Bsirske für ver.di die Wende schaffen?