Calais

England leuchtet. Der orangefarbene Schimmer im blauen Abenddunst, das sind Dover und Folkestone. 35 Kilometer - keine Entfernung für die schätzungsweise 32 000 illegalen Einwanderer, die es in den vergangenen zwei Jahren aus Tschetschenien, Afghanistan oder Sierra Leone bis an die französische Kanalküste geschafft haben. Wer auf Schleichwegen von Bagdad bis hierher gekommen ist, hat keine Angst vor einer nächtlichen Überfahrt im gestohlenen Paddelboot oder vor dem Sprung auf einen rollenden Güterzug. Vor wenigen Tagen musste der Bahnverkehr durch den Eurotunnel stundenlang gestoppt werden, weil eine junge Frau zu Fuß auf den Gleisen von Frankreich nach England unterwegs war. Vier Menschen sind seit Jahresanfang beim Versuch, durch den Tunnel nach Großbritannien zu gelangen, ums Leben gekommen.

Zwei Kilometer vom Tunneleingang entfernt, zwischen Weizenfeldern und Gemüsegärten eines Villenvororts von Calais, liegt das Rotkreuz-Auffanglager Sangatte: eine Fabrikhalle von 25 000 Quadratmetern, ausgestattet mit Toiletten, Duschen, Betten, Kantine, Altkleiderkisten und einer bunten Kinderrutsche. Etwa 1000 Flüchtlinge, vor allem junge Männer, warten dort auf eine Gelegenheit zum illegalen Auswandern nach Großbritannien. Sie sind Teil des großen, neuen Volks der Herumirrenden aus aller Herren Länder, vorläufig gestrandet in Absurdistan am Ärmelkanal.

Großbritannien will sie nicht, ist aber großzügig mit denen, die es ins Land geschafft haben: Es gibt mehr Sozialhilfe als in Frankreich und wenige bürokratische Hindernisse bei der Arbeitssuche. Frankreich andererseits schimpft auf die Briten, deren liberale Sozialregelungen die Flüchtlinge überhaupt erst nach Calais lockten. Im Übrigen schweigt das offizielle Frankreich beider politischer Lager am liebsten zu allen Fragen, die mit Asyl- und Immigrationspolitik zu tun haben. Eine Zuwanderungsdebatte gibt es im zweitgrößten EU-Mitgliedsland nicht. Die Vorzeichen des Wahlkampfmarathons 2002 deuten nicht darauf, dass sich das ändern könnte. Und Europa? Europa hat einen Fonds für Flüchtlingsbetreuung und Heimkehrunterstützung eingerichtet und mit symbolischen 35 Millionen Euro ausgestattet.

Mehrere hundert Menschen versuchen täglich, von Sangatte nach Großbritannien zu kommen. Auch heute machen sie sich zu Fuß auf den Weg zu Hafen und Tunnelterminal, sobald es dämmert. In kleinen Gruppen wandern sie an der Landstraße entlang mit nichts als dem, was sie auf dem Leib tragen. 311 hat die Polizei in der vergangenen Nacht erwischt bei dem Versuch, einen Güterzug zu stürmen. Papiere hat niemand, Sanktionen gibt es nicht. Die Männer - Frauen waren diesmal nicht dabei - werden eingefangen wie ausgerissenes Vieh und mit dem Bus ins Lager zurückgekarrt. Wenn noch Zeit bleibt, versuchen sie es gleich wieder, bis zu 20-mal in einer Nacht. Bei Sonnenaufgang werden sieben in England angekommen sein.

Die französischen Behörden sind nicht unglücklich über jeden potenziellen Asylbewerber, der ihnen auf diesem Weg abhanden kommt. Zu Jahresanfang hatte nach Ärger mit den Briten eine lebhafte Schlepperjagd eingesetzt, die im Frühjahr viele Meldungen über verhaftete Menschenhändler hervorbrachte.

Mittlerweile haben Ehrgeiz oder Erfolg bei der französischen Polizei nachgelassen. In den vergangenen Wochen jedenfalls war es wieder so still, als sei die kurdische Schleuser-Mafia von Sangatte eine Erfindung der Lokalpresse.