Wer nicht arbeiten will, hat in Deutschland keine Lobby. Arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängern wird die Unterstützung gekürzt, gar komplett verweigert, wenn sie Stellenangebote ablehnen, bei Sozialdemokraten ist es geradezu schick geworden, sich zum Grundprinzip "Fordern und Fördern" zu bekennen - so Arbeitsminister Walter Riester. "Wer kann, muss ran", übersetzt das die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis, der Bundeskanzler ist gegen ein "Recht auf Faulheit". Auch die Gewerkschaften halten längst keine schützende Hand über Arbeitsunwillige mehr. Als die Bundesregierung Job-Programme für Teenager einführte, forderte IG-Metall-Chef Klaus Zwickel: "Wir müssen jenen Jugendlichen, die sich diesem Angebot verweigern, wohl oder übel die Sozialhilfe streichen. Der Staat hat kein Geld zu verschenken."

Woran also liegt es, dass jeder neue Vorschlag, den Druck auf Arbeitslose zu erhöhen, ein öffentliches Beben auslöst? Warum scheint es immer wieder, als werde ein hoch sensibles Tabu berührt? Der hessische Ministerpäsident Roland Koch, der zuletzt mit Tiraden gegen vermeintliche Kostgänger des Sozialstaats Stimmung machte und im eigenen Bundesland die Sozialhilfe radikal reformieren will, sagt, die Bundesregierung rede nur und handle nicht. Das ist nachweislich falsch. Von rund 2,7 Millionen Sozialhilfeempfängern in Deutschland gelten nur rund 700 000 als arbeitsfähig. Behinderte, Rentner, Alleinerziehende und ihre Kinder verbrauchen den Großteil der staatlichen Unterstützung. Daran ändert auch zusätzlicher Druck nichts - etwa die von Koch ins Spiel gebrachte zwangsweise Einquartierung von Sozialhilfeempfängern in Wohnheimen.

Woran es fehlt, sind passende Job-Offerten. 400 000 Stellen wurden den Beziehern staatlicher Stütze im vergangenen Jahr angeboten, das reicht noch nicht. Aber auch hier ist die Bundesregierung weniger gefordert als die Kommunen. Zuletzt haben die Sozialämter ihre Arbeit deutlich verbessert, die Zahl der Vermittlungen stieg allein im Jahr 2000 um 34 Prozent. "Fallmanager" betreuen schwierige Kandidaten, in Modellprojekten wird die Arbeit von Sozialämtern und Arbeitsämtern besser abgestimmt, externe Vermittlungsagenturen wie Maatwerk aus Holland erzielen Erfolge. All das mag zu langsam gehen, erklärt aber nicht die öffentliche Empörung über vermeintliche Drückeberger. Es muss also andere Gründe für den alltäglichen Sozialneid geben - etwa Privilegien der vermeintlich Schwachen, die viele Menschen in ihrem Alltag wahrnehmen, die aber in der öffentlichen Debatte kein großes Thema sind.

Beispiel Arztbesuch: In deutschen Wartezimmern gibt es zwei Klassen von Patienten. Die erste Gruppe besteht aus Mitgliedern der gesetzlichen Krankenversicherung, sie muss sich mit einer schleichenden Rationierung von Leistungen herumärgern

mal wird ein erwünschtes Medikament nicht verschrieben, mal der Termin am Quartalsende nicht gewährt. Die zweite Patientengruppe besteht aus Privatversicherten und aus Sozialhilfeempfängern, die nicht krankenversichert sind

sie ist bei den Ärzten besonders gern gesehen. Mit ihnen kann mehr abgerechnet werden als mit Normalpatienten. Für Sozialhilfeempfänger ohne Krankenkasse zahlen die Sozialämter nämlich direkt an die Kassenärztlichen Vereinigungen. Teilweise gelten dabei die gleichen Sätze wie bei Privatpatienten. In jedem Fall läuft die Vergütung außerhalb der strengen Budgetgrenzen, was für den Arzt Mehreinnahmen bedeutet.

Beispiel Wohnungssuche: Die Sozialämter zahlen gerade für Familien von Sozialhilfeempfängern immer wieder Mieten, die für Geringverdiener indiskutabel wären. So mancher Vermieter lässt sich deshalb nicht etwa durch die Idee abschrecken, dass ein Stützeempfänger in sein Haus einzieht, sondern freut sich über die verlässliche Geldquelle in der Stadtverwaltung. Die Folge: Bezieher von Sozialhilfe werden anderen Interessenten vorgezogen.