Es gilt als Luxus, es ist ein Luxus, für einen Dokumentarfilm zwei Millionen ausgeben zu dürfen. Und wann verfügte ein Regisseur zuletzt über 100-plus-x Tage zum Drehen eines Filmes? Doch nicht in unserer Zeit. Thomas Schadt hat aber so viel Geld und die 100plus-x Drehtage bekommen. Schadt ist Mitte 40, hat in den letzten Jahren pausenlos, wirklich pausenlos gearbeitet.

Deutschlands "wohl produktivster Dokumentarist", heißt es manchmal. Schadt sagt: Jetzt habe er eben die Kraft und die Themen, und was, wenn es morgen damit vorbei ist? Fällst einmal falsch, brichst dir das Kreuz und ärgerst dich den Rest deines Lebens, es nicht auf dich genommen zu haben, am Limit zu arbeiten.

Nun geht er, mit zwei Millionen und mehr als 100 Tagen, echt ans Limit. Er ist an einem Film dran, der besonderer werden soll als bloß besonders, ein Film, der ein Wahnsinnsunternehmen ist: Berlin: Sinfonie einer Großstadt. Das wäre dann der Zwillingsfilm von Walter Ruttmanns Berlin. Die Sinfonie der Großstadt aus dem Jahre 1927. Ruttmanns Sinfonie ist ein Klassiker geworden.

Darunter kann Schadt mit einer neuen Sinfonie nicht bleiben. Mehr als die Hälfte der Luxuszeit hat er jetzt rum. Er hat gedreht und geschnitten und montiert, muss noch etliches drehen, schneiden und montieren. Es gibt zwar schon die Grundstrukturen, aber auch viele unausgearbeitete Einzelthemen.

Noch ist der Film nur ein Versprechen. Ein Vielleicht. Nein, mehr schon. Ein Wahrscheinlich.

Das allererste Bild segnet den Film und die Stadt. Eine kleine Statue steht wie abflugbereit im Silvesterhimmel. Wer jetzt an den Engel im Himmel über Berlin denkt, an Wenders also, und auch an Jürgen Böttcher, der liegt bestimmt nicht falsch. Ein braves Bild gibt der kleine Engel ganz und gar nicht ab, so schräg, wie er ins rauchige und zart graue Bild stößt, den Arm mild angehoben. Ein paar Lichtflecken umkreisen die Figur da oben wie ein Wattebauschgestirn und bekränzen sie. Es ist ein Bild, das erhebt und verweist auf die unverwechselbare Blick-Hoheit, die Schadt auf die Wirklichkeit hat. Schadt kommt von der Fotografie. Die ganze Sinfonie muss Fotografie sein. Nur die Bilder und die Musik machen hier die Stummfilmsinfonie, sonst nichts. Und mit Schadts erstem, dem Engelbild ist prompt eine Spannung da und jene ganz bestimmte Bereitschaft für einen Film, der es mit transparentem Grau, mit Schwarz und Weiß und ohne alle Buntheit versucht. Diese Spannung will dann über 75 Minuten gehalten sein. In einem großen Bogen. Bis es wieder Nacht und Silvester ist, bis es wieder feuerwerkt. Dann spiegelt sich Licht im Wasser, Sprühkaskaden glimmern und scheinen und leben.

Die Schlusseinstellungen hat Schadt ebenfalls fix und fertig in der Tasche.