Was aber war dran? Zunächst ein Paradox: Die Art und Weise, in der mit außer-literarischen Mitteln (andere würden sogar sagen: mit literaturfeindlichen Methoden) die Popularisierung der Literatur und die Werbung für Bücher betrieben wurde (und das doch auch im Effekt, wenn der überhaupt zählen darf, wo es um die reine, edle Sache geht, sehr erfolgreich) war schon einigermaßen verblüffend. Das bleibt, auch wenn mir selber die Sendung immer zuwider war: Das aufdringliche Pontifizieren des Vormannes, changierend zwischen Pope und Popanz, die servile Ministrantenrolle, zu der alle anderen Teilnehmer verurteilt wurden: "Aber neijn....!!" Und das stete Gefühl, dass der gute Mann nicht merkte, wie sehr seine TV-Leidenschaftlichkeit durch ihre Monomanie zur Lächerlichkeit geriet.

Aber davon abgesehen - und der Angelegenheit vorausgegangen - nun eine Art Respekts-, ja geradezu antipathische Liebeserklärung an Reich-Ranicki selber: Mir sind die entschieden, ja die emotional oder polemisch Urteilenden alle Mal lieber - selbst dort, wo sie offenkundig irren - als die Reichs-Bedenkenträger der (literarischen) Urteilskraft. Ob ein Urteil gedanklich oder formal alt-modisch ist, ob es grob überzogen oder in sich unstimmig ist, das kann ich ja selber durchschauen (oder wenigstens ahnen). Aber was fange ich mit Richtern an, die am liebsten gar kein Urteil fällen wollen - und die weder Muh noch Mäh sagen, sondern alleweil beides zugleich? Dass jemand bereit ist, sich zum Streit zu stellen, sich zu exponieren, das verdient immer noch Respekt, solange das Exponieren nicht gerade zum Exhibitionismus wird.

Denn gerade was das öffentliche Räsonnieren angeht, gibt es ja auch den viel schlimmeren Exhibitionismus der Verhüllung, also das viele Reden, ohne dass erkennbar würde, was eigentlich gesagt werden soll. Und mancher Literaturkritiker fühlte sich schon eine Stufe angehoben, jedenfalls moralisch, wenn er von sich selber bekennen konnte: Ich danke Dir, Herr, dass ich nie so werden will, wie jene anderen - die Großkritiker. (Ich kenne sogar Personen - Diskretion absolut zugesichert! - , die das Literarische Quartett und seine Mitglieder solange heftig verachteten, bis sie zur Mitwirkung aufgefordert wurden.) Ein anderer Literaturkritiker, ein verdienter und gleichmäßig schonender Hüter all seiner Pflänzchen, fragte mich einmal, wann ich denn in einer (wie ich fand eher komplexen) politischen Frage ohne Wenn und Aber einfach nur "Pfui" schrei(b)en werde. Meine Antwort: "Sobald ich Ihren ersten Verriss gelesen habe!" Ich warte noch heute…

P.S.: Und eines müssen doch alle zugeben: Das Echo und die Zahl von Lesern, die Marcel Reich-Ranicki gefunden hat, die wünscht sich doch jeder! Auch der Autor dieser Kolumne. Verstanden, ihr Nicht-Leser?

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