Kaum kommt der Kanzler von seiner zweiten, und also angeblich schon zur Tradition gewordenen Sommerreise in den deutschen (und nun auch europäischen) Osten zurück, muss auch Angela Merkel zu einer Sommerreise aufbrechen; sie verspricht uns sogar, auch den Westen zu besuchen.

Was ich dagegen habe? Wo doch Reisen bildet… An sich hätte ich nichts dagegen, im Gegenteil!, wenn unsere Politiker sich an Ort und Stelle umsähen, wo die Menschen der Schuh drückt, damit sie dann, nach glücklicher Rückkehr an ihren politischen Arbeitsplatz etwas dagegen tun können. Aber nun wollen diese hohen Reisenden ja alles andere begucken als Probleme. Sie wollen Erfolge sehen. Und nicht etwa um sich an den Erfolgen anderer zur erfreuen, sondern sich in deren Erfolgen zu sonnen, dergestalt, dass etwas von diesem Glanz auf sie fällt. Und so geht es gar nicht darum, dass die Politiker die Menschen sehen, sondern umgekehrt wird ein drückender Schuh draus: Es geht darum, dass die Menschen die Politiker sehen. Als ob gerade das ein besonderes Sommervergnügen wäre… Mit anderen Worten: Diese Art von Sommerreisen sind eine Perversion.

Der alte Harun al Raschid machte es anders. Er verkleidete sich abends in einen armen Menschen und schlich durch die Schattenzonen seines Reiches, um ohne Pomp und potemkinsche Fassaden zu erfahren, wie es seinen Untertanen wirklich geht. Weil er unerkannt sich unter Menschen mischte, kennt man ihn noch heute. Aber wer wird in zweitausend Jahren noch von unseren Sommerreisenden sprechen?

Gerhard Schröder und Angela Merkel müssten es also genauso machen wie – ich selber. Ich habe nämlich auch eine Sommerreise durch Deutschlands Osten gemacht. Und es hat mich keiner erkannt. Echt!

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