Vor fünfzig Jahren erschien Adornos Passagen- und Sentenzenwerk "Minima moralia" - mit all seinen sarkastischen Bemerkungen zur Ästhetik und Kultur - und Gesellschaft - der Zeit. Während ich mich mit Tausenden von Touristen durch Prags Innenstadt wälze, frage ich mich, was Adorno sich in dem diesem Gewühl über die Funktion und Funktionalisierung der Ästhetik, vor allem der Musik gedacht hätte.

Prag scheint eine Stadt der Musik zu sein, das hat man ja schon irgendwo gelesen: Mozart, Smetana, Dvorak, Janacek… Schlendert man jedoch über den Altstädter Ring, mustert man dabei die Konzertangebote anhand der Handzettel, die einem allüberall nahezu aufgenötigt werden, wird man regelrecht melancholisch: Es gibt offenbar einen informellen Kanon mit der Überschrift "The Best of Music", der hier geradezu gnadenlos exekutiert wird: Mozarts Ave verum, Händels Halleluja und Feuerwerksmusik, Bach(-Gounods) Ave Maria, Bachs Air, Boccherinis Menuett, Schuberts Ave Maria - und all diese Highlights werden in der Tat immer wieder an einem Abend kompakt aufgeführt, als ob es nichts anderes gäbe. Was die Musik bietet - oder was der Tourist zu hören verlangt. Nur gelegentlich und bei gründlicher Suche findet man Alternativen.

Dieser Trend zur Trivialisierung und Standardisierung des höchst komplexen Phänomens Musik findet man aber auch in der "Hochkultur". Das Ständetheater spielt Abend um Abend Mozarts Don Giovanni - nichts sonst. Im Rudolfinum wird dem Dvorak-Jahr gehuldigt mit 26 (in Worten: sechsundzwanzig) Konzerten - in denen aber jedes Mal dasselbe gespielt wird: Sein Cello-Konzert und seine 9.Symphonie. Wie kommt es zu dieser tristen Serienproduktion? Das Touristenpublikum ist offenbar - kein Publikum. Die Öffentlichkeit, die sich an dieser Unsitte stören könnte - die gibt es nicht. Vor dem nächsten Konzert ist sie schon nicht mehr da, sondern weitergezogen und durch eine andere ersetzt. Es bleiben nur: Das Bleikristall, der Granatschmuck und die mattpolierten Edelsteine der Musik. Für den Touristen. Und die Kulisse.

Trotzdem haben wir uns, bei - angesichts der aufdringlichen Straßenwerbung - entsprechend niedrigen Erwartungen Karten für den Don Giovanni im Ständetheater am Obstmarkt gekauft. Und wurden regelrecht entzückt - vom Gebäude und von der Aufführung. Opernrezensenten mögen vielleicht anders denken, auch weil sie nicht ihren delikaten Mozart bekommen. Mir gefiel, dass seine Musik schon wegen des kleinen Orchestergrabens aufgerauter klang: Weniger Streicher, größere Präsenz der Bläser… Aber dann das, was man Kontextualität nennt, in anderem Zusammenhang den - Zusammenhang! Don Giovanni im Prager Ständetheater, das ist eben nicht nur das "Charisma" der Uraufführungsortes: Auch Mozart reiste nach Prag… Dass die Bauernszenen in dieser Inszenierung ein größeres Gewicht bekamen - ein fernes Echo der Opposition zwischen den tschechisch sprechenden kleinen und bäuerlichen Leute zum deutschsprachigen Adel und seiner Wiener Zentrale? Dass der Don Giovanni mit seiner subversiven Kritik am Adel in Prag begeistert, in Wien hingegen zunächst kühl aufgenommen wurde - hatte das damit zu tun, dass der Wiener Hof von Prag aus gesehen weit weg, in Wien aber eben höchst präsent war? Und dass der Leporello in dieser Inszenierung auch wie ein Vorfahr des Schweijk erscheint - aber, ach, da sind wir schon mitten in allen Klischees. Die wir doch auf den Handzetteln mit den Highlights der Musik so verachten.

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