Der wahre Schrecken unseres Sommers heißt nicht Ätna, nicht Genua, sondern Lipobay. Allein in Deutschland wurde eine halbe Million Menschen von der Horrormeldung schockiert; sie alle schluckten das Medikament der Firma Bayer. Es war dafür gedacht, das Blutfett und so das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen zu senken. Manchmal aber scheint das Mittel Leben zu beenden, statt Leben zu retten, denn plötzlich steht es im Verdacht, weltweit 52 Todesfälle durch rasanten Muskelzerfall ausgelöst zu haben. Beruhigen mochte da auch nicht der eilig verbreitete Hinweis, die finale Nebenwirkung sei vor allem in den USA aufgetreten - und zwar wegen der gleichzeitigen Einnahme von Gemfibrozil. Denn immerhin hatten zwei Drittel aller Fälle nur Lipobay geschluckt.

Am Pranger standen über Nacht: das Bundesinstitut für Arzneimittel wegen zu lascher Zulassungsverfahren, die Ärzteschaft wegen zu großzügiger Verschreibungen - und der Hersteller Bayer wegen Obstruktion. Doch gerade der Fall Lipobay taugt nicht dazu, die Unwirksamkeit des weltweiten Alarmsystems gegen mörderische Nebenwirkungen von Medikamenten zu beweisen. 1997 wurde Lipobay eingeführt, seit vergangenem Jahr stieg die Zahl der Todesfälle schleichend an, der Bayer-Konzern warnte, zog die Pille schließlich freiwillig zurück. Eine Entscheidung, die sicher nicht wegen der Zahl der Toten gefällt wurde. Denn 52 Opfer bei sechs Millionen Lipobay-Schluckern - das geht in den Statistiken fast unter. Auch hätten noch so subtile Voruntersuchungen die Todesfälle kaum ausschließen können. Bei einem Medikament, das so häufig genommen wird, lässt sich leider nicht für jeden Einzelfall vorhersagen, was aufgrund ungünstiger Konstellationen und genetischer Besonderheiten passieren kann.

Lebensrisiko Aspirin

Allein die Einnahme von Rheumamitteln kostet in Deutschland jedes Jahr schätzungsweise 1500 Menschen das Leben, durch Aspirin (auch von Bayer) sterben jährlich Hunderte Menschen an inneren Blutungen. Und Viagra? Schon ein Jahr nach Einführung des Potenzmittels wurden 522 Todesopfer in Verbindung mit der blauen Pille gebracht. All diese Medikamente sind noch immer auf dem Markt. Denn entscheidend ist nicht die Todesziffer, sondern ob ein Präparat gefährlicher ist als andere - und ob wie in den USA milliardenschwere Schadenersatzklagen der Angehörigen drohen. Viagra war konkurrenzlos, Lipobay ist es nicht. Alles spricht nun dafür, dass das Bayer-Mittel mehr schädliche, gar tödliche Nebenwirkungen hat als andere Fettsenker.

Viele Nutzer von Viagra wird das Restrisiko wenig interessieren. Wer aber seine Fette senken möchte, will vor bösen Überraschungen sicher sein. Doch gibt's da noch ein anderes Problem, das nicht allein auf dem Mist der Pharmakonzerne gewachsen ist. In Wahrheit ist der Fetthemmer Lipobay auch ein Lifestyle-Mittel - wie Viagra. Zwar steigert es nicht das Lebensgefühl, bewahrt aber viele davor, ihren ausufernden Lebensstil ändern zu müssen. In der Altersgruppe über 40 weist jeder Zweite im Westen zu hohe Cholesterinwerte auf. Die meisten davon sind selbst schuld. Weniger Fett, mehr Salat, mehr Sport lautet das bekannte Rezept. Doch mit dem Pharmafix Litobay geht's halt leichter.

Aber es wird nicht leichter. Ein Schockgespenst nimmt Gestalt an. Schon mehren sich die Zeichen, dass auch in Europa Pharmakonzerne mit horrenden Schadenersatzklagen rechnen müssen. Den Patienten droht dann das Horrorszenario, dass ihr Medikament vom Markt verschwindet. Schlimmer noch: Sie müssen ihren üppigen Lebensstil ändern.

Siehe auch Wirtschaft, Seite 22 und Wissen, Seite 25