Es war, sagen seine Berater, die wichtigste Entscheidung, die Präsident Bush bisher zu fällen hatte. Jetzt wird der Staat die Forschung an embryonalen Stammzellen fördern, allerdings dürfen mit amerikanischen Steuermitteln keine Embryonen getötet werden. Die Wissenschaftler müssen mit den bereits bestehenden Zellkulturen arbeiten.

Politisch gesehen ist diese Entscheidung klug, sie besänftigt die Gemüter. Die Abtreibungsgegner murren nur leise, die Forscher klagen verhalten. Für die Wirtschaft und die Wissenschaft aber ist sie verhängnisvoll. George W. Bush schafft ein Oligopol für wenige Bio-Tech-Unternehmer und Patentinhaber. Wer jetzt im Besitz der begehrten Zellen ist, hat die Lizenz zum Gelddrucken. Ob das teuer verkaufte Material etwas taugt, muss sich erst zeigen. Nur wenige der von Bush zugelassenen Zelllinien sind wissenschaftlich publiziert. Schon unter den bekannten Laborkulturen sind viele, die unvermittelt zusammenbrechen oder sich in der Petrischale plötzlich wuchernd vermehren - sie sind für die Wissenschaft wertlos. Schon werden deshalb Forderungen laut, die engen Grenzen des präsidialen Diktats zu sprengen, die Forschung an überzähligen Embryonen freizugeben, die sonst weggeworfen würden.

Ein internationaler Ethikrat

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat weiter gedacht. Ihr im Mai vorgestelltes Stufenmodell - erst Import und Tauglichkeitsprüfung, gegebenenfalls Neuzüchtung von Zellen - berücksichtigt, dass Experimente scheitern, Zellkulturen vergänglich sein können. Damit wären deutsche Wissenschaftler gegenüber Amerika zum ersten Mal seit langem wieder im Vorteil: Während ihre Kollegen nur an alten Zelllinien arbeiten dürfen, könnten hiesige Forscher auch künftig die besten Zellen importieren, sei's aus Schweden, sei's aus Israel.

Doch die Grundlagenforschung - und um nichts anderes handelt es sich hier - hat nur dann Erfolg, wenn die Arbeiten international vergleichbar sind, wenn sich Ergebnisse und Erfahrungen austauschen lassen. Die Forscher brauchen nicht viele, sondern möglichst wenige Zelllinien, um Vergleichbarkeit zu erzielen. Denn nur in gemeinsamer weltweiter Anstrengung werden sie lernen können, was die wundersame Wuchs- und Heilkraft der embryonalen Stammzellen ausmacht. Wer diese Kräfte beherrscht, kann auch die ethisch unbedenklichen adulten Stammzellen nutzen, um Gewebe für bisher unheilbar Kranke zu züchten und so die großen Hoffnungen zu erfüllen.

Wenn jedoch das einzige Kriterium für den amerikanischen Stammzellkatalog das Geburtsdatum der Zellen (vor Bushs Rede am 9. August) ist und nicht ihre biologische Eignung, droht die Strategie des Präsidenten bald an der Biologie zu scheitern. Deshalb kann seine Entscheidung nur ein erster Schritt sein, der Zeit verschafft. Zeit zum Beispiel für die Bildung eines internationalen Rats, wie ihn der Berliner Mediziner und Forschungsfunktionär Detlev Ganten vorschlägt. Ein solches Gremium könnte endlich helfen, weltweite Regeln für die Embryonenforschung zu finden. Das wäre ein großer Gewinn - wissenschaftlich wie ethisch.

Siehe auch Wissen, Seite 23 und 24, Feuilleton, Seite 32 und Leben, Seite 42